Schulweg-Doktor unterwegs

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„Da ist die Farbe ab!“, monieren Uwe Völker, Karl-Heinz Distler und Reinhold Tron vom ACE. Von der einstmals guten Idee, den sicheren Schulweg der Kinder zur Marienschule mit weißen Fußstapfen vorzugeben, ist nicht mehr viel übrig geblieben.

Dieburg ‐  Die farblichen Markierungen auf dem Boden, die vor vielen Jahren angebracht wurden, um die Schüler von allen Seiten sicher zur Marienschule zu bringen, sind mittlerweile kaum noch zu erkennen. Von Michael Just

„Leider ist bei den meisten Fußspuren die Farbe weg. Die wäre aber wichtig, da Kinder vor allem optisch geleitet werden wollen“, sagt Reinhold Tron vom Kreisvorstand des Auto Club Europa (ACE). „Wie überall fehlt das Geld, hier hätte die Stadt schon längst etwas tun können“, bedauert er.

Mit seinen Kollegen Uwe Völker und Karl-Heinz Distler gehört er zu den „Schulweg-Doktoren“. Jedes Jahr widmet sich der ACE einer Sicherheitsaktion im Straßenverkehr. 2010 nehmen die Helfer des Automobilclubs an rund 150 Orten in der Bundesrepublik stichprobenartig die Schulwege unter die Lupe. Wie Völker sagt, verunglückt alle fünf Minuten ein Kind auf dem Weg zur Schule. Von den zuletzt registrierten 118 000 Vorfällen pro Jahr seien 68 tödlich gewesen. „Da ist es wirklich an der Zeit, die Schulwege auf den Prüfstand zu stellen und wirksame Verbesserungsvorschläge auszuarbeiten“, so der Regionalbeauftragte.

Der Kontakt zur Marienschule kam durch Schulleiter Lothar Oberle zustande, der von der Aktion erfuhr und die Vertreter bat, seine Schule unter die Lupe zu nehmen. Mit zwei Begehungen haben sich die ACE-Mitarbeiter mit der Situation beschäftigt, danach wurde ein runder Tisch einberufen, an dem auch Ordnungsamtsmitarbeiter und Schulelternbeiräte saßen.

Manche Ampelphasen dauern zu lange

Der Eindruck der Doktoren ist insgesamt nicht so schlecht: In der Marienstraße herrscht Tempo 30, Verkehrszeichen weisen auf die Schule hin, Pfosten schirmen den Gehweg ab und es besteht ein absolutes Halteverbot, damit Schüler nicht durch haltende und abfahrende „Elterntaxis“ gefährdet werden.

Überprüft wurden auch die Ampelanlagen in Schulnähe. „Hier ist es wichtig, dass nach dem Drücken das grüne Männchen zügig aufleuchtet. Müssen die Kinder zu lange warten, kommen sie auf dumme Gedanken“, weiß Tron. Die Ampel vor der Turnhalle bekam gute Kritiken, vor dem Gefängnis dauern die Schaltphasen den Doktoren zu lange.

Für gut befunden wird der versetzte Durchgang neben der Turnhalle, der rennende Kinder vor dem Erreichen der Straße abbremst. Die Frankfurter Straße würden die ACE-Experten gerne als „Tempo-30-Zone“ sehen. Sie wissen aber, dass sich das für eine Hauptdurchfahrtsstraße kaum realisieren lässt.

Als größtes Ärgernis wird die Ignoranz vieler Eltern gegenüber dem absoluten Halteverbot vor der Schule herausgehoben. „Wir haben Plakate angebracht oder Handzettel verteilt - das hilft alles nichts“, sagen Carola Gräff-Emrich und Günter Hüttig vom Elternbeirat. Das Halten in den wenigen Aussparungen zwischen den Pfosten würden manche Eltern als sportliche Herausforderung sehen, um den Nachwuchs aus dem Auto zu lassen.

Gefahrenstellen eruieren und beseitigen

Karlheinz Bonifer vom Ordnungsamt steht er regelmäßig morgens an der Schule. „Rund ein halbes Dutzend Knöllchen“ fallen jede Woche an, ohne das sich die Situation erheblich gebessert hat.

Zusätzlich zur Tempo-30-Zone in der Marienstraße wünscht sich der Elternbeirat das Anbringen von Metall-Tellern zur Geschwindigkeitsbremsung. „Am besten wäre gar kein Verkehr“, sagt Gräff-Emrich. Dafür will sie keinesfalls die Marienstraße sperren: „Ich fände es schöner, wenn die Kinder mehr laufen dürften.“

Mit seinem „Schulweg-Doktor“ verbindet der ACE ein weiteres Anliegen: Die Erstellung von Schulwegplänen, mit der Gefahrenstellen eruiert und beseitigt werden sollen. Nur in vier Bundesländern liegt derzeit eine Pflicht für Schulwegpläne vor, in vier Ländern gibt es Empfehlungen und in den anderen acht existieren keinerlei Regelungen. Laut Völker liege zwar ein Erlass in Hessen vor, die meisten Erhebungen seien aber veraltet. Das trifft auch auf die Pläne der Marienschule zu. In Hessen ist es Aufgabe der Schulleitung, solche Pläne zu erstellen. Schulleiter Lothar Oberle hat bereits die Initiative ergriffen, die wenigen bisher dazu vorliegenden Ergebnisse auf den neuesten Stand zu bringen.

Als Hemmnis erweisen sich aber die zahlreich geplanten Baumaßnahmen der Stadt, wie der Kreisel vor der evangelischen Kirche als auch an der Einfahrt zum Minnefeld. Hier dürften Ergebnisse aufgrund der zukünftigen Verkehrsführungen bald wieder Makulatur sein. Für Carola Gräff-Emrich sind die geplanten Kreisel schon jetzt ein Dorn im Auge, da sie das Ende vieler Ampelanlagen bedeuten. Aber gerade die sind für die Mutter der einzige Garant für eine sichere Straßenüberquerung der Kinder. Querungshilfen durch Inseln oder Zebrastreifen reichen ihrer Meinung nach nicht aus.

„Kreisel bedeutet Wirrwarr für Kinder“

Ihre Einwände machen die Krux an der Sache deutlich: Einerseits soll der Verkehr fließen, dem steht aber die Sicherheit der Kinder gegenüber. „Ein Kreisel bedeutet für Kinder ein Wirrwarr, dazu ist er durch die Erhebung in der Mitte nur schwer einsehbar“, sagt Gräff. Eine der wenigen Optionen besteht darin, Übergänge nicht in direkter Nähe zum Kreisverkehr zu schaffen. Wie bei den Gespräche am runden Tisch deutlich wurde, soll nach dem Kreiselbau die Situation scharf beobachtet werden.

Karlheinz Bonifer schlägt vor, sollten Einwände und Vorschläge bereits während der Planungsphase einzureichen: „Sind die Sachen erst mal gebaut, ist es für Änderungen zu spät.“

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