Schweiß und Herzblut für eine Institution

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Der Biergarten ist sein Leben: Bernd Fischer

Dieburg ‐ Idyllisches Vogelzwitschern, entspannte Freiluftatmosphäre am Waldesrand. Zwischen dicht bewachsenen Laubbäumen, Sträuchern und bunten Glühbirnengirlanden entspannt sich der eine oder andere mit einem kühlen Blonden und einer herzhaften Mahlzeit im Biergarten in Dieburg. Nur wenige Fußschritte entfernt, im Nebengebäude, dröhnen hämmernde Bässe im rhythmischen Zusammenspiel mit lauten elektrischen Gitarrenriffs. Was sich so gegensätzlich anhören mag, beschreibt einen völlig normalen Abend im Club Biergarten Dieburg. Von Dirk Beutel

Rückblick: Ende der Siebziger Jahre lebte und arbeitete Biergarten-Gründer Bernd Fischer noch als Sozialpädagoge in Darmstadt. Weil aber sein Vermieter Eigenbedarf anmeldete, musste er sich auf die Suche nach einer neuen Bleibe machen. Wie der Zufall es wollte, stieß er auf ein Angebot in der Dieburger Hohen Straße. Und nicht nur dass: auf dem Grundstück befand sich zudem eine ehemalige Kfz-Werkstatt. „Irgendwas wird mir damit schon einfallen, dachte ich mir“, erinnert sich Bernd Fischer. Recht sollte er behalten. Zusammen mit seinem Bruder, der ihm als Schreiner zur Seite stand, konstruierte sich bald die Vorstellung auf dem 2 200 Quadratmeter großen Areal einen Biergarten mit Tischen, Stühlen, Bänken und Getränkeausschank aufzubauen. Das war zu Beginn des Jahres 1980. „Die Idee, hier zusätzlich eine Bühne für Live-Musik anzubieten lag auf der Hand“, erklärt Fischer. Jeder der etwas zu zeigen hatte, sollte die Gelegenheit bekommen, es vor einem Publikum präsentieren zu können. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Ein Konzept musste sich erst einpendeln

Partnerin in allen Lebenslagen: Monika Ahrens-Fischer.

Erst als sich die Witterungsverhältnisse änderten und der erste Winter den Biergarten erreichte, kam die Geburtsstunde des Discoclubs hinzu. „Wir haben das Konzept von draußen nach drinnen verlegt“, schmunzelt Fischer. Und mehr noch: Bernd Fischer und seine Helfer bauten die Idee weiter aus. Im wahrsten Sinne des Wortes. Mit Familie und Freunden wurden alte Wände durchbrochen und neue gemauert, elektrische Kabel verlegt, gefliest, gezimmert und gehämmert. Und das auch oftmals während der Club geöffnet hatte. Doch anstelle ungläubiger Blicke griff so mancher Gast selbst zum Werkzeug und packte mit an. „Unser Publikum ist generell sehr offen und tolerant“, ergänzt Monika Ahrens-Fischer, die bessere Hälfte des Biergarten-Chefs. Sie hat eine ganz eigene Geschichte. Als Flugbegleiterin wohnte sie in den Achtzigern bereits in Dieburg und verdiente sich im Servicebereich des Biergartens ein paar (damals noch) Mark dazu. Gleich am ersten Abend soll es zwischen den beiden gefunkt haben. So kam es , dass aus den beiden 1986 ein Paar und bald auch ein tatkräftiges Gespann wurde, das gemeinsam die Geschicke des Biergartens lenkte. Neben der persönlichen Erinnerung, sich dort kennen gelernt zu haben, besitzt der Club für Bernd und Monika einen ganz besonderen emotionalen Wert. „Ich liebe den Biergarten. Und ich mag den Kontakt zu den Menschen“, erklärt Monika. „Es steckt unglaublich viel Schweiß und Herzblut hier drin“, ergänzt Bernd, „ein wichtiger Teil meines Lebens.“

Sowohl der Biergarten als auch der Club mussten sich jedoch erst entwickeln. „Hier gab es nie ein fertiges Konzept“, erklärt Bernd. Und weil das Programm so flexibel war und ist, stehen Bernd und Monika neuen Ideen und Einflüssen stets offen gegenüber. Es wuchs ein Treffpunkt mit alternatives Angebot heran. Ob Theater, politisches Kabarett, Jazz oder die Stars der damaligen, Rock und Pop- sowie Neue Deutsche Welle-Szene waren im Biergarten live zu bestaunen. Darunter waren PUR, die Toten Hosen, Wolf Maahn, Trio, Rio Reiser und Extrabreit. „Das war der Höhepunkt der Live-Szene im Biergarten“, bilanzieren beide unisono. Danach wurde es schwerer, neue Bands zu finden, zudem tauchte ein fundamentales Problem auf. Der schleichende Schwund an studentischem Leben, als peu à peu keine Mietverträge mehr für die Studentenwohnungen in den angrenzenden vier Wohnheimtürmen auf dem Campus angeboten wurden, war herber Schlag. „Das hat sich massiv bemerkbar gemacht“, erinnert sich Bernd. Waren es schließlich auch die Studenten, die die Szene im Biergarten mit ihren Wünschen und Anregungen belebt hatten.

Pioniere von damals sind auch heute noch unter den Gästen

Doch dank eingefleischter Stammgäste und einem stetig wechselndem Publikum aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet konnte das Problem überwunden werden. In der Gegenwart angekommen, bietet der Club nach wie vor seinem Publikum ein breit gefächertes Musikangebot aus Rock, Alternative, Dark Wave, Heavy Metal bis zu Trash und Electro mit unterschiedlichen Motto-Partys. „Wir sind kein Laden der nur für junges Publikum öffnet. Bei uns fühlt sich auch die Generation Ü 30 wohl“, lacht Fischer. Müssen sie auch. Schließlich dürften die Pioniere aus den achtziger Jahren, die noch heute dort zu treffen sind, mittlerweile selbst den 30. Geburtstag weit hinter sich gelassen haben.

Morgen jährt sich die Eröffnung dieser Dieburger Institution zum 30. Male. Mit Live-Musik bei freiem Eintritt und anschließender Disco-Party wird dies standesgemäß gefeiert.

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