Freibadsaison eröffnet

Schwimmer-Welt wieder im Lot

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Da kommt das Wasser in Bewegung: Viele Frühschwimmer sind bereits im Ruhestand. An Agilität fehlt es ihnen trotzdem nicht.

Dieburg - Als das Schwimmbad für die neue Saison öffnet, stehen die ersten Badewilligen schon mehr als eine Viertelstunde früher vorm Eingang und warten, dass der Schlüssel endlich rumgedreht wird. Von Michael Just

„Ewig nicht gesehen!“ oder „Was habt ihr den ganzen Winter gemacht?“ ist zu hören, dazu liegen sich Menschen in den Armen und genießen das Wiedersehen. Es sind die Frühschwimmer, die jeden Morgen bei Wind und Wetter ihre Bahnen im Dieburger Freibad ziehen. Die Gruppe umfasst rund 30 Personen, von denen sich ein kleiner Kern auch im Winter regelmäßig im Café trifft oder gemeinsam auf die Moret läuft. Dass sie wetterfest und abgehärtet sind, beweisen die passionierten Badbesucher auch am Eröffnungstag: Nur zwölf Grad zählt die Luft, das Wasser dagegen ist mit 24 Grad deutlich wärmer.

Einige Stammgäste haben ein bestimmtes Zeitfenster für ihre morgentliche Körperertüchtigung, andere gehen stets die 1. 000 Meter an. Jeweils beim Anschwimmen im Mai und beim Abschwimmen im September wartet nach dem Nass noch ein gemeinsames, selbstgemachtes Frühstück.

„Das Wetter war halt nix“

„Wir hätten auch schon früher das Bad aufgemacht. Aber das Wetter war halt nix“, sagt Wolfgang Dörr von der Stadtverwaltung, der ebenfalls zum Start gekommen ist. Wie er berichtet, werde der Außenbereich im Winter stets in Mitleidenschaft gezogen. In diesem Jahr seien die Schäden – etwa an den Fliesen – mit rund 20.000 Euro Kostensumme nicht ganz so groß. „Da fallen manchmal bis zu 50.000 Euro an“, weiß Dörr.

Gelebte Gemeinschaft: Für einen Frühschwimmer, der über Jahrzehnte ins Bad kam und vor ein paar Tagen mit über 80 Jahren starb, wurde gestern bei der Eröffnung der Schwimmbadsaison ein kleines Boot mit Blumenblüten zum Gedenken für ein paar Minuten ins Wasser gelassen.

Beim Thema Sprungturm gibt’s von ihm Entwarnung: Gesperrt ist er nicht, aber ab sofort darf nur noch ab zwölf Uhr gesprungen werden. Dann komme die Sonne von der Seite und könne nicht mehr direkt blenden. Beim Drei-Meter-Brett sind Köpfer fortan untersagt. Hier hatte es Kritik gegeben, dass die Sprunggrube durch die seitlich abfallende Steilwand nicht breit genug sei. Die Panikmache, die daraus entstand, kann Dörr nicht verstehen. „Das waren alles Empfehlungen ohne bindenden Gesetzescharakter“, sagt er mit Blick auf den Bäderverein. Der hatte eine mögliche Blendung der Springer auf dem Turm moniert, weil man ihn beim Bau – das Bad wurde 1953 eingeweiht – in die falsche Himmelsrichtung ausgerichtet habe.

Schwimmmeister Holger Stahl denkt statt an die Blendgefahren lieber an einen Sommer 2013 mit reichlich Sonne. So sei das letzte Jahr mit 65.000 Besuchern ziemlich bescheiden gewesen. Ein Jahrhundertsommer mit 140.000 Besuchern wie 2003 wäre für ihn eine tolle Sache.

Seine Dauerschwimmer, die auch runde Gebutstage wie 60., 70. oder 80. im Bad feiern, hat Stahl direkt liebgewonnen. „Mir würde sofort auffallen, wenn einige nicht da sind“, sagt er zur Tatsache, dass das Becken morgens um kurz nach acht äußerst überschaubar ist. Neue und unbekannte Gesichter würden ihm und den Frühschwimmern dann ebenfalls auffallen. „Das ist dann wie im Western, wenn ein Fremder den Saloon betritt“, sagt er lachend.

Weibliche Ruheständler

Auf die meisten Dauerschwimmern passen die Attribute Ruheständler oder weiblich. Christian Spreter (72) gehört zu den wenigen Männern. „Meine Frau hat mich nach dem Eintritt in die Rente überall mit hingenommen“, erzählt der ehemalige leitende technische Angestellte und führt dabei Schwimmen und Walking an. „Wer lange schwimmt, der lebt auch lange“, gibt Spreter heute überzeugt als Credo aus. Als seine Frau Luise berichtet, dass die beiden den Enkelkindern das Schwimmen beigebracht haben, verwundert das nicht. Das Kraulen hat der Dieburger erst in späten Jahren gelernt. „Auch im Alter sollte jeder gegenüber Neuem aufgeschlossen sein“, konstatiert Spreter.

Als Stammgast mit Dauerkarte wird der 72-jährige bis zum Herbst nun wieder frühmorgens ins Wasser gehen. „Gott sei Dank. Jetzt ist die Schwimmerwelt wieder in Ordnung“, kommentiert Wolfgang Dörr die Baderöffnung und die glücklichen Gesichter der Dauerschwimmer. Für weniger Hartgesottene heißt es warten, bis der Sommer kommt und die Quecksilbersäule nach einem langen kaltem Winter endlich nach oben steigt.

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