KVD-Sitzung

Sechs Stunden pure Lebenslust

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Bei der Sitzung des KVD kann man den Alltag getrost einmal vergessen. Verrer Gunkes un soi Bawett - frisch wie eh und je.

Dieburg - Wer zu einer Sitzung des KVD geht, hat hohe Erwartungen. Jeder freut sich auf Stunden voller Fröhlichkeit, Narretei, auf bunte, phantasievolle Kostüme und so manches „Uiuiui“. Von Stephanie Stiefler 

Und die Akteure freuen sich darauf, nach Wochen und Monaten voller Vorbereitungen, voller Ideen und Nervosität, endlich auf der Bühne zu stehen und die Narren zu erfreuen. Alle diese Erwartungen wurden auch im 176. Jahr des KVD wieder voll erfüllt. Beim Einzug des Elferrates, angeführt von Sitzungspräsident Bernd Wolfenstädter, der seit sage und schreibe 44 Jahre auf der Bühne aktiv ist, erschallte von den bunt gekleideten Narren ein vielfaches, begeistertes „Äla“.

Gleich der erste Programmpunkt nahm die Zuschauer dann auch mit auf eine wunderbare Reise. Im Äla-Jet ging es in die USA, wo das Jugendballett des KVD (Leitung: Jeanette Neumann, Julia Kern, Andrea Bausch) mit dem Tanz „Las Vegas“ den Showtänzern dieser Glitzerstadt echte Konkurrenz machen könnten.

Vom Spielerparadies ging es dann wieder in heimische Gefilde. „Was über’s Joar alles bassiert“ ist in Dieburg, aber auch in Deutschland und der Welt erklärte Protokoller Friedel Enders dem Publikum. Von den Wahlen im Bund und in Hessen über den Protz-Bischof aus Limburg, „des Briggelsche“ auf der Leer, die Situation im St. Rochus sowie die vielen Baustellen, die so manchen Ortsunkundigen in den Wahnsinn treiben, spannte Enders den Bogen. Und falls die riesige Fiege-Halle, die in Dieburg und Umgebung zurzeit für heftige Diskussionen sorgt, einmal nicht mehr benötigt wird, hat der Protokoller schon jetzt neue Ideen für deren Nutzung: man könnte alle Großereignisse wie Fastnachtszug, Lichterprozession oder Maimarkt in die Halle verlegen und wäre unabhängig von Wetterkapriolen.

"So iss Fastnacht"

Unter der Leitung von Werner Utmelleki schipperte dann das Narrenschiff der Speeslochfinken auf die Bühne. Mit einem musikalischen Potpourri wurde die Geschichte vom „Fluch der Gersprenz“ erzählt. Da wechselte ein Steuermann das Ufer, Neptun, der römische Gott der Meere, klagte den Seeleuten sein Leid und eine Meerjungfrau mit Verlangen nach Prosecco verdrehte den Männern den Kopf.

Mit Geräten, die sprechen und nie das tun, was man will, hat Monika Schledt so ihre Probleme, an denen sie im Vortrag „Abenteuer Technik“ das Publikum teilhaben ließ, bevor der erste Fastnachtsschlager erklang. Helge Tisch erklärte „So iss Fastnacht“ und riss damit die Narrenschar von den Stühlen. Im Laufe des Abends rockte Stefan Mann mit „Sei heute Nacht meine Prinzessin“ die Halle und Andreas Zimber ließ wissen „Fastnacht iss do“. Alle drei Sänger kamen natürlich nicht ohne Zugabe davon.

Mit Wortvorträgen begeisterten sowohl Gunter Fries und Joachim Ruf, als auch Thorsten Setzer, Christine Ludwig und Bernd Schneider. Während die „Moralapostel“ Ruf und Fries gekonnt die Finger verbal in so manche Wunde legten und unter anderem befürchteten, dass die Abhör-Spezialisten der NSA sogar das Dieburger Prinzenkomitee bespitzeln könnten, verkörperte das Trio Setzer, Ludwig und Schneider hohen „Besuch aus Meenz“. So kam es, dass die Mainzer Fastnachtsgrößen Prinz Bibbi, Margot Sponheimer sowie Ernst Neger von den Dieburgern begrüßt werden konnten und der hier verpönte Ruf „Helau“ kurzzeitig Akzeptanz fand.

Den „Ui-ui-ui, au-au-au“ Rekord des Abends schaffte das Nachwuchs-Duo Sabrina Brandt und Nina Grimm. Als „Zwei Krankenschwestern“ musste so mancher in Dieburg bekannte Arzt mit seinem Namen für ihre Späße herhalten. Die skurrilen Erlebnisse der Ausnahme-Krankenschwestern in den Dieburger Arztpraxen, dargebracht in schönstem „Dibbojerisch“ trieben den Narren die Lachtränen in die Augen.

Männerballett nicht wegzudenken

Die Wortakrobatinnen Bettina Steinmetz und Petra Herrmann-Kahle erlebten die Narren in diesem Jahr beim „50er Jahrgangstreffen“, wobei beide kräftig austeilten aber auch einstecken mussten. So schlug Hermann-Kahle Bettina Steinmetz vor, nach deren Ableben die Asche statt in einer Urne in ein Einmachglas füllen zu lassen - da sie ja auch heute schon so gerne aus dem Fenster schaue.

Das Hofballett des KVD unter der Leitung von Svenja Fink und Alisha Heider konnte auch in diesem Jahr wieder mit zwei ausdrucksvollen Tänzen überzeugen. Als „Geishas“ entführten sie die Narrenschar nach Fernost, in der „Geisterstunde“ wirbelten Untote und Gespensterjägerinnen durch unheimlichen Nebel übers Parkett.

Das Dieburger Männerballett, die Heihupper (Leitung: Lutz Hoffmann), sind von den Sitzungen des KVD nicht wegzudenken. Mit Charme, Puschel und knappen Outfits wirbelten die „Damen“ als „Cheerleaders“ über die Bühne - und konnten diese, wie alle Tanzgruppen, nur nach einer Zugabe verlassen.

Der Gunkes (Thomas Buchert) und „sei Bawett“ (Juliane Kempf) schwankten auf der Bühne wieder mal zwischen Eintracht und Zwietracht. Da streichelte der Gunkes ein Hinkel, um seine Gefühle ausleben zu können, weil seine Bawett so garstig ist, freut sich aber auch über eine „Klangschorlen“-Therapie mit Umstädter Wein. Für die Bauarbeiten in der Zuckerstraße hat das Traditionspaar auch eine Idee, die der Gewerbeverein ernsthaft prüfen sollte: Sie schlagen eine Schwebebahn vor, damit die Besucher auch während der Bauphase sicher zu den Geschäften gelangen können.

Für den Vortrag von Matthias Sahm, Klaus Gottwald sowie Melanie Eisentraud und 13 Komparsen ist der Begriff „Büttenrede“ fehl am Platz – vielmehr handelt es sich um eine karnevalistische Show mit brillanten Ideen, für die auch die Technik der Römerhalle effektvoll eingesetzt wurde. Die „Zeitreisenden“, die mit Hilfe von reizenden Elfen durch die Jahrhunderte sausten, brillierten wie gewohnt, überspielten aber auch Texthänger mit Bravour. Den Auftrag, eine für den KVD wichtige Rechnung aus dem Jahr 1508 in die Jetztzeit zu holen, konnten sie aber nicht ausführen. Auch verloren sie Bernd Stenner auf ihrer Reise, so dass jetzt ein Zimm’ner im Nirwana verschollen ist. Dafür durften die Narren aber dem allerersten Dieburger Fastnachtszug beiwohnen und machten so die Bekanntschaft einiger Fastnachtsgrößen von damals, die heutigen Narren sehr ähnelten.

Die Bilder der Sitzung

Erste KVD-Sitzung in Römerhalle

Tanz, Gefühl, eine Prise Erotik und viel nackte Haut vereinte die „Afrikanische Trommelshow“, mit der einige Mitglieder der Prinzengarde das närrische Publikum in seinen Bann zog (Choreografie: Svenja Schäfer). Wie Sitzungspräsident Bernd Wolfenstädter schon angekündigt hatte, kommen dabei endlich auch mal die Damen auf ihre Kosten. Zu sehen gibt es einen „Trommeltrupp’ im Lendenschurz, aber auch einen „Tarzan für Arme“. Das Publikum war begeistert – so etwas wünscht man sich auch für die kommende Kampagne.

Wie jedes Jahr bevölkerten zum Ende zunächst die Äla-Fetzer (Leitung: Klaus Becker) die Bühne, diesmal unter dem Motto „Zizi-Top“. Die bunte Truppe mit den Deiwelsgeijen brachte das Publikum mit einem Potpourri alter und neuerer Fastnachtslieder noch mal richtig in Schwung - bei dem Einmarsch der Prinzengarde gab es kein Halten mehr. Die Römerhalle war mit Äla-Rufen erfüllt. Der folgende Gardetanz (Leitung und Choreografie: Norma-Jean Naumann) riss die Narrenschar förmlich von den Sitzen. Im Finale jubelte, sang und schunkelte das Publikum im Saal sowie die Aktiven auf der Bühne begeistert mit. Doch dann schloss sich der Vorhang – aber im Foyer ging die närrische munter Party weiter.

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