„Senioren wollen selbstständiges Leben führen“

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Macht sich für die Senioren in Dieburg und im Kreis stark: Ingeborg Steffens.

Im Jahr 2025 werden rund 70 000 Menschen, die älter als 65 Jahre sind (zum Vergleich: 55 000 im Jahr 2010) im Landkreis leben, so prognostiziert es die Fortschreibung des Altenplans für den Landkreis Darmstadt-Dieburg. Auch bei den Pflegebedürftigen zeigt der Trend deutlich nach oben. Der Altenplan weist für das Jahr 2010 fast 5 300 Pflegebedürftige jenseits der 65 Jahre aus, für das Jahr 2025 werden 7 668 prognostiziert.

Die Kommunen müssen sich den Herausforderungen des demografischen Wandels stellen, um den sich ändernden Lebenslagen der älteren Menschen gerecht zu werden. Doch welche Ansprüche stellen die Senioren von heute und wie beurteilen sie den gegenwärtigen Stand des seniorenspezifischen Angebots? DA-Redaktionsmitglied Laura Hombach sprach darüber mit Ingeborg Steffens, die als Vorsitzende des Seniorenbeirats der Stadt Dieburg, als Patin eines Stadtleitbildprojekts, das die attraktive Gestaltung der Stadt für ältere Menschen zum Inhalt hat, und als ausgebildete Seniorenbegleiterin im Landkreis aktiv ist.

Frau Steffens, Sie haben Einblick in die diversen Angebote, die Senioren in Dieburg und im Kreis gemacht werden. Gleichzeitig stehen Sie in engem Kontakt zu der Zielgruppe dieser Angebote und erfahren so aus erster Hand, was gut ist und wo's hapert. Wie würden Sie die Lebensqualität der Senioren in Dieburg bewerten?

Solange Senioren gesundheitlich noch in der Lage sind, selbstständig zu leben, Treppen zu steigen, kleine Besorgungen zu machen und vorzugsweise in der Nähe des Zentrums wohnen, in dem ja nun auch wieder ein Lebensmittelmarkt entstehen soll, lässt es sich als älterer Mensch gut in Dieburg leben.

Wie sieht es in Dieburg mit Hilfsangeboten aus, wenn der Alltag nicht mehr selbständig zu meistern ist? Können Senioren dann noch ein Leben in den eigenen vier Wänden führen?

In Dieburg gibt es einige Hilfsangebote für Senioren. Für alle Fragen zur häuslichen Pflege stehen das Seniorenbüro im Landratsamt Dieburg, die ökumenische Sozialstation für Groß-Zimmern, Münster und Dieburg in Münster, der Hausnotruf, die Johanniter-Unfall-Hilfe, das DRK in Dieburg und „Essen auf Rädern“ bereit. Beratung erhalten die Senioren in Dieburg auch im Sozialamt im Rathaus Dieburg sowie zu den Sprechzeiten des Seniorenbeirates im Rathaus.

Problematisch wird es aber dann, wenn Senioren nicht mit anderen Familienangehörigen zusammenleben und ihre Wohnungen nicht barrierefrei sind. Und welches Haus oder welche Wohnung ist das schon? Treppen und Türschwellen werden dann zu Hindernissen oder das Badezimmer, das man als Rollstuhlfahrer nicht mehr nutzen kann. Eine Problematik, die sich aber nicht nur den Dieburger Senioren stellt.

Gehen Senioren von heute bewusster mit der Frage um: „Was ist, wenn ich nicht mehr alleine leben kann?“

Aber ja, mit dieser Frage beschäftigen sich Senioren schon sehr früh. Das erfahre ich immer wieder bei den Sprechstunden des Seniorenbeirats im Rathaus. Aber auch in Gesprächen mit Senioren bei Begegnungen auf der Straße oder im Seniorentreff und bei Gästen, die an unseren Beiratssitzungen teilnehmen, ist das immer wieder Thema.

Welche Angebote erwarten Senioren heute von Seniorenheimen?

Senioren wünschen sich auch im Alter so lange wie möglich ein selbständiges Leben zu führen. Das bedeutet, und hier möchte ich gerne aus dem Leserbrief einer Dieburger Seniorin in Ihrer Zeitung vom 30. Januar zitieren, die auf der Informationsveranstaltung der St. Rochus-Stiftung zum Thema Neubau des Pflegeheims war: „Ich hätte mich so gefreut, in dem neuen Altenzentrum ein Zimmer mit Bad und einer Küchenzeile zu bekommen, wo ich mir noch das Frühstück und Abendessen selber machen könnte. Ich hätte mich gefreut, als alter Mensch im Herzen der Stadt zu wohnen. Einer Stadt, die so viel zu bieten hat...“

Was die Dame sich wünscht und was in Dieburg fehlt, ist „Betreutes Wohnen“ auch „Service-Wohnen“ genannt. In diesen Wohnanlagen gestalten ältere Menschen ihr Leben weitgehend selbstständig. Bei Bedarf können sie frei wählbare Betreuungs- und Pflegeangebote in Anspruch nehmen. Vorzugsweise sollten diese Wohnangebote im Stadtzentrum liegen, damit Senioren vom gesellschaftlichen Leben ihrer Stadt nicht ausgeschlossen sind.

Ist die Eigenständigkeit weiter eingeschränkt und ein selbständiges Leben in der eigenen Wohnung nicht mehr möglich, wollen die Dieburger Senioren auch weiter in Dieburg leben, das heißt in einem Seniorenwohnheim.

Wie sieht die Situation in Dieburg aus?

In Dieburg gibt es zur Zeit leider nur das Pflegeheim in der Gerhart-Hauptmann-Straße, das in den 60er Jahren gebaut wurde und nicht mehr dem heutigen Standard entspricht. Es soll auf dem Gelände der St. Rochus Stiftung in der Steinstraße in Verbindung mit dem dortigen Krankenhaus nach dem heute gültigen Standard für Pflegeheime gebaut werden.

Neben dem Bau am St. Rochus Krankenhaus ist ein weiteres Altenheim an der Albinistraße geplant. Wären die Dieburger Senioren mit den beiden Heimen gut bedient?

Wenn beide Heime an den vorgesehenen Standorten entstehen, müssen hoffentlich keine Dieburger Senioren, die der stationären Pflege bedürfen, in die umliegenden Pflegeheime ziehen, wie es derzeit notwendig ist. Gut bedient, wären die Dieburger Senioren damit noch nicht.

Als Begründung für die mangelnde Vielfältigkeit an Betreuungsangeboten in den Seniorenheimen wird meist das liebe Geld ins Feld geführt. Ist ein attraktives, vielfältiges und die Wünsche der Senioren in Betracht ziehendes Wohnangebot am Ende nicht finanzierbar?

Bei der derzeitigen finanzielle Lage Dieburgs wäre die Stadt ohne einen finanzkräftigen Investor sicher nicht in der Lage, die Wünsche der Senioren nach alternativen Wohnprojekten zu erfüllen. Die Politik in Dieburg hat es leider in der Vergangenheit - als Dieburg noch finanziell gut dastand - versäumt, entsprechende Wohnprojekte zu planen und zu bauen.

Gibt es im Kreis Vorzeigebeispiele dafür, wie Wohnen und Leben im Alter funktionieren kann, ohne dabei unbezahlbar zu werden?

Ja, die gibt es. Der Seniorenbeirat hat im Umkreis von Dieburg verschiedene Altenzentren besichtigt, zum Beispiel in Roßdorf, Reinheim, Münster, Babenhausen, Darmstadt-Kranichstein, aber auch in Mörfelden-Walldorf und Heppenheim. Wir können keine Bewertung der Heime abgeben, denn wir wissen, dass nicht nur das Alter und die Ausstattung der Häuser deren Qualität ausmacht, sondern vor allem eine gute Pflege und Atmosphäre.

Aber wir haben Heime gesehen, die wir uns für die Dieburger Senioren wünschen würden. Denn in Dieburg gibt es leider nur das Pflegeheim in der Gerhart-Hauptmann-Straße mit 64 Pflegeplätzen.

In der näheren Umgebung von Dieburg gibt es insgesamt 538 Pflegeplätze, und fast alle bieten dabei noch eine zusätzliche Wohnform an. So gibt es etwa in Babenhausen 113 Pflegeplätze, in Groß-Zimmern 36, in Groß-Umstadt 85 und in Roßdorf 84, zusätzlich wird hier überall noch Betreutes Wohnen angeboten. In Münster kommen zu den 48 Pflegeplätzen eine Seniorenwohnanlage und in Reinheim zu 48 Pflegeplätzen so genannte Service-Wohnungen.

Was würden sich Dieburgs Senioren denn von den Planern der beiden Heime am St. Rochus Krankenhaus und an der Albinistraße wünschen?

Das geplante Pflegeheim mit einer Demenzabteilung am St. Rochus Krankenhaus gibt durch die Örtlichkeit und die strengen Vorgaben für einen Landeszuschuss den Wünschen der Senioren für alternative Wohnformen keinen Spielraum. Der Standort bietet auch keine Möglichkeit einer späteren Erweiterung.

Für den Bau eines Pflegeheims an der Albinistraße sucht man noch einen Investor. Auch dieses geplante Heim wird nur den Bedarf an Pflegeplätzen für Dieburg decken. Selbst wenn ein Investor gefunden wird, der auf dem Gelände außer dem Pflegeheim auch „Betreutes Wohnen“ anbietet, kann dies nur ein kleiner Anfang sein, gänzlich unbeachtet bleibt der demografische Wandel.

Der Seniorenbeirat hat sich schon seit Jahren dafür eingesetzt und wünscht sich, dass in Dieburg außer einem Pflegeheim mit Kurzzeit- und Tagespflege auch alternative Wohnprojekte, wie Betreutes Wohnen, Wohngemeinschaften für Demenzkranke und Mehrgenerationen-Wohnhäuser entstehen. Dies würde dem Wunsch der „jungen Altengeneration“ auf Selbständigkeit und Individualität Rechnung tragen.

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