Servicekräfte mit fast unbremsbarem Eifer

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Café-Chef Thomas Hauck (stehend) im Kreise seiner Kolleginnen (von links) Carina Weinert, der pädagogischen Leitung des Vereins für Behindertenhilfe Andrea Bartels, Songul Kaya und Carina Kühne.

Dieburg - An diesem Abend kommen wieder viele Gäste. 100 werden es sein, eher mehr. Der Gastgeber wird der Gesellschaft, weil die meisten Geladenen Großes geleistet haben, Lobreden servieren. Und Getränke servieren lassen. Von Barbara Hoven

Deshalb übt sich die Mannschaft des „Schloss Fechenbach Cafés“ jetzt – in den heißen Mittagsstunden vor der Großveranstaltung – in den gastronomischen Disziplinen Stühlerücken, Gläseraufbau und Merken von Bestellungen ohne Block. Letzteres ist für einige aus dem Team nicht immer ganz einfach. Denn das Café ist nicht nur idyllische Anlaufstelle für Ausflügler, es ist auch Arbeitsstätte für Menschen mit Behinderung. „Unser Ziel war und ist es, behinderten Menschen Arbeitsplätze auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt zu bieten. Da kam die Idee, dies im Rahmen eines Cafés zu machen, sehr gelegen, denn die Kombination von Beschäftigung und Begegnung hat einen besonderen integrativen Reiz“, erklärt Andrea Bartels, die eine Hälfte der Geschäftsführung der „ProNovum GmbH“. Die gemeinnützige Tochterfirma des Dieburger Vereins für Behindertenhilfe, dessen pädagogische Leitung Bartels ebenfalls innehat, hat das Café an Pfingsten 2008 eröffnet.

Jetzt, nach gut einem Jahr, fällt die Bilanz recht positiv aus. Zwar bleiben an diesem wie an vielen Nachmittagen viele Tische leer. Aber Café-Chef Thomas Hauck und seine Mitarbeiterinnen Carina Weinert, Carina Kühne und Songul Kaya haben alle Hände voll zu tun. Für den Ansturm am Abend will alles vorbereitet sein.

Besonders beliebt bei Brautpaaren

Was den Bereich der Veranstaltungen wie Hochzeiten, Geburtstage oder Tagungen betrifft sind wir sehr zufrieden, das läuft viel besser als erwartet“, sagt Hauck. Besonders bei Hochzeitsgesellschaften erfreue sich das spätbarocke Schloss mit seinem edlen Ambiente großer Beliebtheit. „Fast die Hälfte aller Brautpaare, die sich in Dieburg trauen lassen, ziehen inzwischen unsere Räume dem Rathaus vor“, erzählt Hauck nicht ohne Stolz. Das sei insofern bemerkenswert, als dass Paare, die sich im Schloss trauen lassen, einen Obolus von 125 Euro zu zahlen haben, während bei einer Trauung im Rathaus keinerlei Extra-Kosten anfallen.

Und der alltägliche Café-Betrieb? „Da hatten wir uns mehr erwartet“, räumt Hauck ein. Einen Grund für den gelegentlichen Mangel an Laufkundschaft sieht er in der etwas versteckten Lage des Cafés in der ersten Schloss-Etage, über dem Museum.

Manche Dieburger erzählen mir, dass sie bis vor Kurzem gar nicht wussten, dass es hier im Schloss ein Café gibt, obwohl sie gleich um die Ecke wohnen.“ Auch werde das Café in den Augen vieler Bürger einzig auf ein Museumscafé reduziert. „Wir sind jedoch ein eigener Betrieb mit anderen Öffnungszeiten, obwohl wir uns den Eingang mit dem Museum teilen“, betont Hauck.

Das „Schloss Fechenbach Café“ ist dienstags bis freitags von 11 bis 18 Uhr sowie samstags, sonntags und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Hier geht´s zur Homepage.

Vorurteile oder Skepsis wegen der Bedienung durch Behinderte schließen Bartels und Hauck indes als Grund für den Gästemangel aus. „Im Vorfeld ist uns in der Tat viel Skepsis begegnet, da mussten wir für unsere Idee werben, bevor wir das Projekt in den Schloss-Räumen angehen konnten“, erinnert sich Bartels. Inzwischen sei eher das Gegenteil der Fall: Die Gäste kämen gern, fühlten sich wohl und freuten sich, mit einem Besuch im Café die Behindertenhilfe zu unterstützen. „Allerdings soll niemand denken, dass er hier Abstriche im Service hinnehmen muss, um ein gutes Werk zu tun“, betont Bartels. „Wir wollen hier schließlich auch die große Leistungsfähigkeit von Menschen mit Behinderungen zeigen. All unsere Mitarbeiter sehen den Service am Gast als wichtigste Arbeitsaufgabe an, da müssen wir teils schon steuernd eingreifen.“ „Steuernd, oder auch bremsend“, ergänzt Hauck mit Blick auf die Euphorie seiner Schützlinge und lacht.

Um noch mehr Gäste für das Café und damit das Projekt zu gewinnen, lässt das Team sich gerne Neues einfallen: Erst kürzlich wurde das Angebot erweitert; auch herzhafte Speisen stehen nun auf der Karte. Derzeit sind nach hinten verlängerte Öffnungszeiten im Gespräch, da sich gerade in den Abendstunden die Terrasse wachsender Beliebtheit erfreut.

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