Man hat sich eben arrangiert

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Es geht auch gemeinsam: Wirt Olgun Öztürk (von links) mit seinen Gästen Rolf Eicher und Kenan Ekici.

Dieburg ‐ Im „Ricardos“ läuft leise Musik im Radio. Ein paar Gäste spielen zum Feierabend Dart, zielen auf das Bull. Dazu gesellt sich das eine oder andere Bier und eine Zigarette. Von Dirk Beutel

Nur für kurze Zeit, nach dem Inkrafttreten des Nichtraucher-Schutzgesetzes am 1. Oktober 2007, verschwand der blaue Dunst aus dem Lokal. Nach Protesten aus der Gastronomieszene lockerte das Bundesverfassungsgericht 2008 die Gesetze und erlaubte Ausnahmen für Gaststätten mit abgetrennten Raucherräumen und Einraumkneipen. Auf dieser Basis beschloss am Mittwoch die Koalition aus CDU und FDP im Landtag ebenfalls eine Auflockerung des Nichtraucher-Schutzgesetzes für Hessen. Was vorher lediglich geduldet wurde, ist nun offiziell: In Einraumkneipen unter 75 Quadratmetern darf wieder geraucht werden, falls nur Getränke und einfache Speisen serviert werden. Laut der Änderung sollen auch größere Restaurants das Rauchen bei geschlossenen Gesellschaften erlauben dürfen.

Allerdings betrifft diese Gesetzesänderung Salvatore Romano, Inhaber des „Ricardos“, nicht. Denn er hat schon 2008 die Aschenbecher wieder auf dem Tresen verteilt. „Hier gab es noch nie Speisen. Meine Kundschaft besteht zu 95 Prozent aus Rauchern. Wäre das Gesetz von 2007 durchgesetzt worden, gäbe es meinen Laden gar nicht mehr.“

„Der Raucher bestimmt, wo man abends hingeht“

Roberto Chimienti organisierte für das Überleben seiner Einraumkneipe sogar eine Demonstration. 

Das gleiche gilt für Roberto Chimienti, Wirt im „Il Centro“. Seine Einraumkneipe ist nur 64 Quadratmeter groß, extra einen Raucherraum zu installieren, wäre also unmöglich. „Ich habe das damals nicht akzeptiert und eine Demonstration organisiert“, erzählt der Italiener, der seit zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört hat. „Gleich nach dem Gesetz ging der Umsatz rapide zurück. Kein Wunder, weil 80 Prozent meiner Gäste Raucher sind“, fügt er hinzu. Umsatzeinbußen hatte auch Christine Görgülü, Inhaberin der „Stadtwache“: „Zum Glück geht es wieder etwas bergauf. Ohne diese Ausnahme hätte ich zumachen können.“ Im schräg gegenüberliegenden „Lehrer Lämpel“ hat man sogar Umbauten in Kauf genommen. Inhaber Olgun Öztürk errichtete extra einen Raucherraum, um auch Speisen anbieten zu können. Es half nichts. Nun hat Öztürk seine Gaststätte komplett für Raucher eingerichtet und fährt damit besser: „Weil der Raucher bestimmt, wo man abends hingeht.“ Doch auch Nichtraucher treffen sich im „Lehrer Lämpel“, wie Rolf Eicher: „Auch als ehemaliger Raucher bin ich tolerant und gehe gerne hierher.“

Wirte fanden unterschiedliche Lösungen

Im Grundsatz herrscht unter den Wirten Konsens darüber, dass in Restaurants nicht geraucht wird. Wenn diese Sanktion aber auch die klassische Bierkneipe betroffen hätte, wäre dies der Untergang vieler Gastronomen gewesen.

Bietet sogar zwei Raucherräume in ihrem Billard Palace an: Inhaberin Claudia Kiau

Man hat sich individuell arrangiert. Wie im „Billard Palace“, wo es zwei Raucherräume mit Plexiglasscheiben gibt, oder im darunter gelegenen „Schwarzen Löwen“. Dort können Raucher in der Smoker Lounge dinieren. Oder man ändert von selbst seine Geschäftsstrategie wie das Ehepaar Eisele, das seit 33 Jahren den „Bierbrunnen“ führt und die Gaststätte gesetzesunabhängig von einer Bierkneipe in ein Speiselokal umwandelte: „Wer will schon etwas essen, wenn die Raucher am Tresen laut würfeln“, sagt Edith Eisele. „Außerdem ist es auch gesünder für uns.“

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