Was tut sich im Untergrund?

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Grabungstechniker Ralf Klausmann kann derzeit auf dem Altstadtgelände tiefe Blicke in Dieburgs römische Vergangenheit werfen. In dieser Woche konnte er mit seinem Team einen Holzbrunnen aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert freilegen.

Dieburg - Solch plastische Gelegenheiten zu einem tiefen Blick in die Vergangenheit bekommt selbst Ralf Klausmann eher selten. Von Barbara Hoven

Die beiden Brunnen aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert nach Christus bescheren dem Grabungstechniker im Vergleich zu den sonst eher flachen, weil häufigen Funden von zerdepperter Gebrauchskeramik auf dem Altstadtgelände eine dritte Dimension. Also sitzt Klausmann an diesem Mittwochmorgen relativ zufrieden an einem Loch, das für das ungeschulte Auge auch genau so aussieht – wie ein Loch. Ein solches kann für Archäologen alles bedeuten. Hinweis auf eine Grabkammer, Überbleibsel vom Einschlag einer Kanonenkugel, Beweis für die Besiedlung eines Gebiets. Oder eben, im Fall Dieburg, ein Zeichen dafür, dass einst Menschen hier Wasser holten.

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Vor elf Jahren, als Klausmann mit seinem Team schon einmal hier, am Standort eines unter Kaiser Hadrian um das Jahr 120 gegründeten römischen Verwaltungszentrums, gegraben hatte, gab es neben Brunnenfunden auch einen spektakulären Grund zum Anstoßen. Damals tauchte eine Jupiter-Gigantensäule aus der römischen Schicht der Altstadt-Erde auf. Die steht heute im Museum Schloss Fechenbach. Dort wetteifert sie mit dem Mithras-Kultstein um die Aufmerksamkeit der Besucher. Das drehbare Kultbild des Gottes Mithras war schon 1926 in Dieburg entdeckt worden. Sein Finden gab den Anlass zur Gründung des Museums.

Mit der Kamera hoch oben auf der Leiter verschafft sich Klausmann einen Überblick.

Auf ähnlich interessante Funde wagt Grabungstechniker Klausmann, der im Dienst der archäologischen Denkmalpflege des Landes Hessen, Außenstelle Darmstadt, agiert, diesmal kaum zu hoffen. Dennoch sei die Arbeit wichtig. „Das Altstadtgelände ist eines der wenigen Gebiete in Dieburg, die seit römischer Zeit nahezu unberührt geblieben sind.“ Einen Teil des Areals hatten die Archäologen bei ihrem letzten Besuch 1998 nicht durchforschen können, weil es noch mit Häusern und Gärten bebaut war. Nachdem die Neuzeit „platt gemacht“ ist, sind erneute Grabungen möglich – bevor der Neubau von Stadthalle und Lebensmittelmarkt beginnt und die Historie unter sich begräbt, will das Denkmalpfleger-Team bisher Verborgenes ans Licht zerren. „Wir treten immer auf den Plan, wenn Bauarbeiten anstehen“, sagt Klausmann. „Das hier ist aber ein eher kleineres Projekt über vier bis sechs Wochen.“

Das im Boden noch einiges schlummert, was sich mal mit Bagger, mal mit Schaufel freilegen lässt, legt das Wissen um die einstige Lage der römischen Stadt nahe. In deren Süd-West-Ecke liegt das Altstadtgelände. Wo die Römer zu Beginn des dritten Jahrhunderts in Windeseile die Stadtmauer hochzogen, ist heute im Grabungsfeld noch gut zu erkennen. Ein etwa zwei Meter breiter dunkler Streifen im rötlichen natürlichen Kiesboden zeugt von der Angst der Herrscher vor Übergriffen durch die Germanen.

Vom damals vermutlich vier bis sechs Meter hohen Schutzwall ist nichts mehr übrig; spätere Bewohner schätzten die Steine als Baumaterial für eigene Zwecke. „Die Bürger trugen sie über Jahrhunderte systematisch ab und die Reste der Stadtmauern findet man heute in Dieburger Wohnhäusern“, so Klausmann.

Alles, was heute noch an Ort und Stelle zu finden ist, wird von Klausmann, Archäologin Martina Langenbeck und Simon Weidner, der ein freiwilliges Jahr in der Denkmalpflege absolviert, fein säuberlich fotografiert – analog wie digital – und später maßstäblich gezeichnet. Die Scherben der Siedlungs- und Gebrauchskeramik werden dazu gehören, und auch die beiden Brunnenlöcher, die sich am Mittwoch im Boden auftaten, könnten den Experten noch einiges erzählen. Einer der Brunnen war mit Steinen gefasst, denen wohl das gleiche Schicksal widerfuhr wie dem Material der Stadtmauer. Vom anderen fanden Klausmann und Kollegen noch Teile des hölzernen, vom Grundwasser konservierten Brunnenkastens. Sein Alter wird sich relativ genau bestimmen lassen. Die Vergangenheitsforscher haben schon Holzstücke herausgeschnitten, um sie, in eine Spezialfolie verpackt, ins Labor zu schicken. Der exakte Befund kann Wochen oder gar Monate auf sich warten lassen. Aber auf die kommt es nach fast zwei Jahrtausenden nun auch nicht mehr an.

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