Sommerferien im Schnee

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Wie man sieht, sind die beiden inzwischen gute Freunde geworden.

Dieburg ‐   Der größte Wunsch von Javier (16) wurde ihm bereits kurz nach seiner Ankunft erfüllt: Als die rund 60-köpfige Schülergruppe aus Argentinien Ende November in Frankfurt landete, schneite es. Von Verena Scholze

„Ich kenne zwar Schnee aus meiner Heimat, aber bei uns liegt er nicht so hoch in den Straßen. Man muss eher etwas weiter durchs Land fahren, um mehr Schnee zu erleben“, berichtet Javier staunend. Der 16-Jährige stammt aus dem fast 14 Flugstunden entfernten Argentinien, direkt aus der Hauptstadt Buenos Aires. Der Austauschschüler verbringt momentan drei Monate seiner Sommerferien in Dieburg, um der Kultur und dem Land näher zu kommen sowie seine bereits sehr guten Deutschkenntnisse zu vertiefen.

Begonnen hatte alles Anfang letzten Jahres, als die Bewerbung eines Austauschgesuchs über Umwege die Goetheschule erreichte. Da es sich um einen spanisch sprechenden Schüler handelte, stellte die Spanischlehrerin Frau Siebler die Bewerbung in der Gymnasialklasse vor. Dieses Programm wird von der Pestalozzi-Schule in Buenos Aires bereits seit vielen Jahren für die Schüler der Sekundarstufe organisiert. Der Austausch beruht auf Gegenseitigkeit, so dass die deutschen Familien, die die Pestalozzi-Schüler aufnehmen, ihre Kinder zum Gegenbesuch nach Argentinien schicken. Für die Bewerbungen und die Kontaktaufnahme sind die argentinischen Schüler allein verantwortlich. Ziel dieses Austausches ist es nicht nur, die Sprachkenntnisse zu fördern und sich auf das Sprachdiplom vorzubereiten, sondern andere Kulturen zu erleben, den eigenen Horizont zu erweitern sowie interkulturelle Kompetenzen zu erwerben. Die teilnehmenden Schüler sind in ganz Deutschland verteilt und untergebracht.

Ausflug nach Uruguay

Der 14-jährige Cedric Berger fand sofort Gefallen an der Idee, und nach intensiven Gesprächen mit seinen Eltern war man sich schließlich einig, dass Javier eingeladen wird. Seit dem Frühjahr entstand ein reger Kontakt über Internet und per Mail, bevor Cedric im Herbst für vier Wochen nach Buenos Aires flog. Der Schüler benötigte zunächst einige Tage, um sich an die andere Aussprache als das Schulspanisch und die generellen Abläufe zu gewöhnen. Jedoch machte ihm die Herzlichkeit seiner Gastfamilie alles sehr leicht, wie er erzählt.

Neben dem Schulunterricht, den er gemeinsam mit Javier besuchte, unternahm man viel gemeinsam. So stand neben Erkundungen der Stadt und Besuchen der weiteren Umgebung auch ein mehrtägiger Ausflug nach Uruguay auf dem Programm. „Ich wäre gerne länger in Argentinien geblieben“, blickt Cedric bedauernd zurück.

Schuluniformen sind in Argentinien Pflicht

Javier und Cedric bei einer Schneeballschlacht. Danach wird sich aber gleich wieder vertragen.

Ende November reiste dann Javier nach Dieburg, wo er gemeinsam seitdem mit Cedric den Unterricht besucht. „Es war wie von null auf hundert“, erzählt Vater Jürgen Berger, der stellvertretender Schulelternbeiratsvorsitzender an der Goetheschule ist. „Javier kam morgens an und wollte direkt mit in die Schule. Und das nach dem langen Flug“, sagt er bewundernd. Die Schulumstellung war für beide Jungs zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Während in Argentinien der Unterricht von 8 bis 16.30 Uhr stattfindet, ist hier nur zweimal die Woche Nachmittagsunterricht. Die Aufnahme in den Klassenverband war für beide problemlos, schnell wurden neue Bekanntschaften geschlossen. „Wir haben jeden Tag volles Haus und Besuch von Mitschülern sowie Verwandschaft“, lacht Vater Berger. In der Pestalozzi-Schule ist das Tragen von Schulkleidung Pflicht, Jungen und Mädchen tragen weiße T-Shirts ohne Labels zu ihren Jeans. Es wird kein Religionsunterricht erteilt, dafür steht viel Sportunterricht auf dem Lehrplan, was dem Fußballbegeisterten Javier sehr entgegenkommt. Um auch hier seiner Leidenschaft folgen zu können, darf Javier während seines Aufenthaltes bei der SC Hassia trainieren. Dort wurde man auf seine außergewöhnliche Begabung sofort aufmerksam. Nun kann Javier an den Trainingseinheiten der U-19 in Frankfurt teilnehmen.

Javier hat schon viel erlebt: Unter anderem auch bei Besuchen in Frankfurt und Umgebung, bei Eishockey- und sogar Fußball-Bundesliga-Spielen. Besonders begeistert zeigt sich Javier über die Freundlichkeit der Leute, mit denen er zu tun hat. Zu seinen besonderen Erlebnissen zählt der Schüler den Besuch einer Metzgerei mit unzähligen Wurstsorten, die er probieren durfte. Und in einem Dönerladen durfte er sogar selbst Hand anlegen und das Fleisch absäbeln.

Nach Berlin geht die Reise weiter

Mit seiner Gastfamilie ist noch eine mehrtägige Fahrt nach Österreich geplant. „Dort gibt es noch mehr Schnee“, freut sich auch Cedric.

Zum Ende seines Deutschlandaufenthalts steht dem Schüler noch eine Exkursion nach Berlin bevor, wo sich alle Austauschschüler treffen werden. Diese Fahrt ist von der Pestalozzi- Schule vorgegeben und die Anreise liegt in Eigenverantwortung des Schülers. Daher ist Javier momentan damit beschäftigt, sich die besten Zugverbindungen nach Berlin zu suchen. Dabei wird er - wie bei allem - von seiner Gastfamilie unterstützt, die seiner Abreise im Februar bereits mit Bedauern entgegensieht. Die freundschaftlichen Bande werden aber den Abschied überdauern, da ist man sich auf beiden Seiten sicher.

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