Die Stadt schöner stricken

Plötzlich sind sie da: Über Nacht werden graue. Von Bettina Link

Laternen zu bunten Leuchten - dank fleißiger Stricker.

dieburg J Wenn die Nacht anbricht, zieht es Anne Kraft nach draußen. Mit Nadel und Faden macht sie sich auf den Weg durch Dieburg. Nach und nach verpasst sie dann Laternen und Pfeilern bunte Mäntel oder Mützen, damit sie am nächsten Tag in fröhlichen Farben erleuchten. Anne Kraft macht „Urban Knitting“ - eine Straßenkunst, die den öffentlichen Raum mit Selbstgestricktem verschönert.

Angefangen hat alles damit, dass die Dieburgerin nicht wusste, was sie mit den vielen Wollresten machen sollte. Etwa wegwerfen? Das kam für sie nicht in Frage.

Bei einem Besuch in Frankfurt entdeckte sie vor dem Technikmuseum dann die Verwertungsidee: Die Säulen vor dem Museum waren bestrickt. „Das war nicht schön gemacht, aber die Idee fand ich klasse“, erzählt die 52-Jährige, deren bunte Werke inzwischen viele Pfosten und Laternen in der Stadt zieren. Die Idee der so genannten „Strick-Guerilla“ brachte sie aus Frankfurt mit nach Dieburg und begann so gleich einen Mantel für ihren Baum vor dem Haus zu stricken.

Ist Anne Kraft eine leidenschaftliche Strickerin, die die ganze Familie schon mit Mützen, Schals und Socken versorgt hat und nun alles bestrickt, was ihr zu kahl ist? Keineswegs. Das letzte Mal hatte sie vor 20 Jahren Wolle und Nadeln in der Hand, aber „das ist doch wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht“, sagt sie. Und ein Fahrrad, das war dann auch ihr zweites Werk. Was heute in bunten und leuchtenden Farben vor der Bücherinsel viele Neugierige anlockt, staubte bis vor Kurzem noch im Keller ein. „Das ist das alte Fahrrad von meinem Sohn, der es nicht mehr genutzt hat, deswegen dachte ich mir: Bestricke ich es doch einfach.“ Im vergangenen Winter umstrickte die Fremdsprachen-Korrespondentin dann in wochenlanger Arbeit den kompletten Rahmen vom Lenker bis zu den Speichen.

Als das Kunstwerk fertig war, wollte Anne Kraft es aber nicht für sich alleine behalten. „Ich wollte, dass alle Dieburger etwas von dem Rad haben“, erzählt sie. Deswegen kam ihr die Idee, das bunte Zweirad vor die Bücherinsel zu stellen. Unter der Obhut von Claudia Kleene, ist das Fahrrad seit März ein Hingucker und beliebtes Fotomodell in der Innenstadt. „Ich war so begeistert von dem Fahrrad und der Strickaktion“, berichtet Claudia Kleene, die die Idee von Anne Kraft sofort unterstützte: Etwas für die Allgemeinheit tun und Dieburg schöner machen. „Wenn ich nur etwas Schönes für mich wollte, könnte ich mir auch einen Schal stricken“, sagt die Dieburgerin.

Auch wenn Anne Kraft die Initiative ergriffen hat, das „Urban Knitting“ versteht sie nicht als ihr eigenes Projekt. Vielmehr soll jeder daran mitwirken können. Und damit jeder sich an der Stadt-Verschönerung beteiligen kann, laufen die Fäden in der Bücherinsel zusammen: Dort steht ein Tisch mit Strickzeug, an dem jeder weiter stricken kann. Wer sich mit ein paar Reihen beteiligt, bekommt zur Belohnung einen Cappuccino aus dem Café der Buchhandlung. Mitmachen kann jeder, der eine Nadel halten kann. Und das gemeinschaftliche Strickprojekt wird gut angenommen: „Viele lassen hier ihrer Kreativität freien Lauf und probieren verschiedene Strickmuster aus“, erzählt Claudia Kleene. Beteiligt sind bisher allerdings ausschließlich Frauen. Auf einen Mann, der zur Stricknadel greift, wartet Claudia Kleene noch.

„Jeder hat Spaß an der Sache, kann sich verewigen und die Stadt ein bisschen schöner machen“, freut sich Anne Kraft, der allerdings nicht wichtig ist, wer hinter einem Werk steht - die Strick-Guerilla bliebe schließlich auch anonym. Auf ihren nächtlichen Touren ist sie dennoch nicht unentdeckt geblieben. Aber jeder, der sie auf die Straßenkunst angesprochen hat, äußerte sich positiv. „Es ist schön zu sehen, dass die Leute Gefallen daran haben und dass mein Anstoß so aufgegriffen wird. Viele bedanken sich sogar bei mir.“

Ziele hat sich Anne Kraft mit dem Projekt nicht gesetzt. Das sieht sie wie mit dem Stricken: „Einfach mal anfangen und sehen, was daraus wird.“

Eins wünscht sie sich aber: Das Stadtbild auf bunte Weise zu verändern und zu verfremden. „Denn auf einmal nimmt man die Stadt ganz anders wahr - und sie wird jedesmal noch etwas liebenswürdiger“, meint die Dieburgerin, die schon an einem neuen Projekt strickt, das sie bald in der Stadt aufhängen möchte. Nur wo, das verrät sie natürlich nicht - es soll ja eine Überraschung für die Dieburger werden.

‹ Näheres über das bunte Strickprojekt gibt es auch auf der Internetseite www.buecherinsel.de

Kommentare