Erhalt zahlreicher Buchen im Schlossgarten

Politik reißt keine Bäume aus

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Der Ausschnitt aus einer Karte des Geometers (Vermessers) Joseph Mantel aus dem Jahr 1789 zeigt die Querallee (von unten nach oben) im Schlossgarten, wie sie einmal aussah und wie sie wiederhergestellt werden soll. Unten das Schloss Stockau (1857 abgerissen) hinter der Gersprenz, rechts oben das Tempelchen und das Gelände des heutigen Trapezteiches.

Dieburg - Die Bäume im Schlossgarten sind den Dieburgern lieb und teuer. Klar, dass sich das Stadtparlament schwer damit tut, seinen Segen zu Fällungen zu geben. Von Ralf Enders 

Im Juli 2016 hatte die Dieburger Stadtverordnetenversammlung beschlossen, die sogenannte Querallee im Schlossgarten nach historischem Vorbild als „zweibahnige Doppelallee“ wiederherstellen zu lassen. Diese Querallee verläuft eben quer zur bereits sanierten Haupt- oder Lindenallee, die Festplatz und Trapezteich verbindet. Die Querallee diente den adligen Bewohnern des westlich der Gersprenz gelegenen und 1699 fertiggestellten Schlosses Stockau, der Familie von Groschlag, zum freien und sicher imposanten Blick durch den damals prachtvollen Landschaftsgarten hindurch bis hinüber zum Obelisk am heutigen Bischof-Kettler-Haus (Konvikt). Der Obelisk diente als „Point de Vue“, als Blickpunkt am Ende einer Achse.

Seitdem sind rund 300 Jahre vergangen, und die Natur hat sich im Laufe der Zeit freilich nicht an die Symmetrie gehalten. 21 Linden, die der Historie sozusagen im Weg standen, wurden bereits im März gefällt. Der Aschaffenburger Landschaftsarchitekt Peter Jordan, er arbeitet seit 1990 mit der Stadt Dieburg zusammen, hatte im August dieses Jahres zudem empfohlen, fünf weitere Bäume fällen zu lassen, die der historischen Achse im Weg stünden. Als die Stadt jedoch Ende August die Achsen der neuen Alleen abstecken ließ, wurde ersichtlich, dass 45 Bäume fallen müssten, um der beschlossenen Planung zu entsprechen und den neu zu pflanzenden Bäumen genug Platz zum Wachsen zu geben.

Weil die Arbeiten bereits Mitte August begonnen haben und Verzögerungen bekanntlich teuer sind, hat’s pressiert, und das Stadtparlament traf sich am Montagabend zu einer Sondersitzung. Der Magistrat hatte den Stadtverordneten hierzu empfohlen, die Bäume westlich des Trapezteichs und direkt an der Gersprenz zu erhalten. Die Parlamentarier beschlossen letztlich tatsächlich den Erhalt zahlreicher bis zu 120 Jahre alter Bäume, meist Buchen. Sie sollen jedoch zurückgeschnitten und ihr sogenannter Leittrieb entfernt werden. Der Rückschnitt bringt Folgearbeit mit sich und muss etwa alle fünf Jahre wiederholt werden.

Pflege des Schlossgartens 150 Jahre lang vernachlässigt

Landschaftsarchitekt Jordan erläuterte in der Sitzung das Kernproblem: Die Pflege des Schlossgartens sei 150 Jahre lang vernachlässigt worden, es werde bei Wiederherstellung der Querallee zum „Streit“ zwischen den mittlerweile „illegal“ gewachsenen Bäumen und den etwa 50 neu zu pflanzenden Linden für die künftige Querallee kommen. Heißt: Beide können nicht nebeneinander ordentlich wachsen.

Er erinnerte noch einmal an die überregionale Bedeutung des Schlossgartens und daran, dass ihn nacheinander drei Vertreter des Adelsgeschlechts von Groschlag nach ihren Vorstellungen haben anlegen lassen – ohne die Arbeit des Vorgängers zu zerstören. So sei ein Park nach englischem, französischem und niederländischem Vorbild entstanden. Ein „denkmalpflegerischer Schaden“ entstehe durch eine Fällung der im Wege stehenden Bäume nicht, weil ja die französische Partie wieder hergestellt werde. Aber: „Eine Fällung dezimiert natürlich zunächst einmal den ökologischen Wert der Bäume“, sagte der Diplom-Ingenieur.

Bilder: Schlossgartenfest in Dieburg

Das sahen vor allem auch die Grünen im Parlament und ihre Fraktionsvorsitzende Dr. Helena Schwaßmann so und beantragten erfolgreich – nach einer Sitzungsunterbrechung – noch mehr Bäume als geplant zu erhalten, aber eben stark zurückzuschneiden. Vertagt wurde die Entscheidung über die Schnittform der neu zu pflanzenden Linden. Das historische Vorbild gibt einen sogenannten Kastenschnitt vor (Jordan: „Hecken auf Stelzen“), damit mochten sich aber vor allem die Grünen nicht anfreunden. CDU-Fraktionschef Renée Exner setzte sich schließlich noch erfolgreich dafür ein, das überregional bedeutende Gartendenkmal Schlossgarten denn endlich auch mal mit entsprechenden Hinweistafeln und Erläuterungen auszustatten.

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