Syrer Gaith Sultan (16) ist angekommen

Stationen der Flucht mit Handy gefilmt

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Gaith Sultan (l.) an der einstigen Theke des „Waldhotels Haus Hubertus“, in dem nun Flüchtlinge wohnen. Seine Flucht aus Syrien bis nach Dieburg hat er mit dem Handy festgehalten. Rechts sein Bruder Hamman.

Dieburg - Der 16-jährige Syrer Gaith Sultan wurde in der Türkei ausgenutzt, schlief auf der Straße und floh durch sechs Länder bis nach Dieburg. Er hat seine Flucht per Handy festgehalten. Von Jens Dörr

Dieser Artikel soll zumindest in seinen ersten Sätzen nicht von seinem Hauptprotagonisten handeln, sondern von Fatima Aaryun: Die 25-Jährige lebt bereits seit 16 Jahren in Deutschland, stammt aber aus Syrien. Als Übersetzerin hat sie großen Anteil daran, dass der Autor dieser Zeilen überhaupt in der Lage ist, die Geschichte von Gaith Sultan aufzuschreiben. Sultan ist 16, kommt ebenfalls aus Syrien und lebt seit September 2015 in der Bundesrepublik. Nach den ersten Wochen in der Erstaufnahmestelle in Gießen zog er um an den östlichen Rand Dieburgs. Seit einem Jahr gibt ihm das gastronomisch nicht mehr genutzte „Waldhotel Haus Hubertus“ zwischen Campus und Fiege-Logistikzentrum ein Dach über dem Kopf – und ein bisschen Sicherheit. Wie viele Syrer hat der junge Mann seine Heimat verlassen. Was Sultan von vielen unterscheidet: Er hat seine Flucht mit dem Handy gefilmt – und kann die Erzählung seiner dramatischen Reise mit bewegten Bildern unterlegen.

Sultans Flucht begann vor zwei Jahren. „Vor zweieinhalb Jahren wurde der Krieg so richtig ernst“, sagt er, was Aaryun ins Deutsche übersetzt. Auch in Al Hasaka, seiner Heimatstadt in der Nähe der türkisch-syrischen Grenze, wurde das Leben zunehmend gefährlicher. Allein vier Menschen, die in diesem Gebiet getötet wurden, kannte Sultan persönlich. Im Gegensatz zum Zeitungsleser und Fernsehzuschauer in Mitteleuropa hatte der Schrecken für ihn konkrete Namen und Gesichter. Also packte einige Monate darauf auch Sultan seine wenigen Sachen: etwas Kleidung, Geld – und das Handy. Das sollte zu jenen Aufnahmen führen, die der Teenager in Dieburg bereitwillig nicht nur den Helfern des Asylkreises zeigt, sondern auch jedem, der ernsthaft Interesse an authentischen Aufnahmen von einer Flucht hat, wie sie in jüngerer Vergangenheit alleine Millionen Syrer unternehmen mussten.

„Ich bin zunächst über die Grenze in die Türkei geflohen – illegal“, erzählt Sultan. Sein 29-jähriger Bruder Hamman, der inzwischen ebenfalls im „Haus Hubertus“ untergekommen ist, war mit seiner Frau bereits dort. „Ich war im Grenzgebiet angeschossen worden, kam im Krankenwagen über die Grenze“, sagt Hamman. Sechs Monate lang lag er auf türkischer Seite im Spital, später noch einmal für zwei Monate. Die Verletzung macht ihm heute noch zu schaffen. Sein jüngerer Bruder Gaith bleibt von Waffengewalt verschont, musste mit seinen damals gerade 14 Jahren auf der ersten Station gleich ein hartes Los tragen. „Die Lage in der Türkei war schlecht. Ich habe Arbeit bei einem Bäcker gefunden. Da habe ich teils 14 Stunden am Tag gearbeitet – manchmal für insgesamt nur drei Euro. So geht es dort vielen.“

Noch schlimmer erging es Sultans Vater, der in der Türkei starb. Auf seinen Bruder und ihn folgten etwas später seine Mutter, seine beiden Schwestern und ein weiterer Bruder, kamen so zumindest aus Syrien raus. Der filmende Flüchtling versuchte seinerseits, das Beste aus der schlimmen Lage zu machen. „Binnen drei Monate habe ich Türkisch gelernt“, sagt er, der nach wenige Monaten in Dieburg auch schon recht ordentlich Deutsch versteht und ein bisschen in der neuen Landessprache sprechen kann. „Zuerst wollte ich nach Dänemark“, erzählt Sultan. „Ich hatte einen geflüchteten Freund dort und viele positive Dinge über die Menschen und ihren Umgang mit den Flüchtlingen gehört.“ Mit einem anderen Freund, der wie er von Syrien in die Türkei geflohen, in seiner Heimat Filmproduzent gewesen war und ihm Aufnahmetipps gab, machte er sich auf die Weiterreise. Über Izmir und Bodrum ging es innerhalb der Türkei weiter. „Da ich kein Geld hatte, schlief ich auf der Straße. In der Türkei durfte ich nichts, hatte keine Rechte. Und ich habe auch noch miese Erfahrungen mit Schmugglern gemacht.“

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Mit seinem letzten Geld – 1550 Dollar – schaffte er, wieder illegal, dann doch noch die Einreise in die EU. Mit 40 Leuten wurde er in einem Kleintransporter von Bodrum zurück nach Izmir gefahren, gelangte auf einem Boot nach Griechenland. Das hielt Sultan ebenso im Bewegtbild fest wie seine weitere Reise über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich. Von dort ging es für ihn kurz nach Frankfurt und dann nach Gießen weiter. In Dieburg ist Gaith Sultan am Ende seiner Flucht. Das Ziel Dänemark existiert für ihn nicht mehr, „ich habe Deutschland schon ab dem Moment gemocht, ab dem wir in Griechenland so viel Gutes von dort gehört haben“.

Die Sequenzen auf seinem Handy wurden inzwischen mit der Unterstützung des in Dieburg wohnenden Ex-Hochschülers und Filmproduzenten Tom Plümmer geschnitten. Der im Asylkreis engagierte Heinz Albers hat die deutsche Übersetzung des zugehörigen Texts eingesprochen. Im Zuge seiner Flucht, dem Mitdrehen und der filmischen Aufbereitung hat sich auch Sultans Berufswunsch gewandelt: „Am Anfang wollte ich Zahnarzt werden. Nach dem Film wäre ich nun gern Journalist oder Produzent.“

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