Der „Stau“ als beliebte Campingzone

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Punks sind rar geworden auf dem Festival.

Dieburg - Vier Liter pro Mann und Maus: So lautete die magische Vorgabe des Vereins „Schallkultur“, der das „Traffic Jam“ (Deutsch: Verkehrsstau) ausrichtet. Von Jens Dörr

So viel Flüssigkeit nämlich durfte jeder Camper am Wochenende mit auf den Teil des Verkehrsübungsplatzes der Fahrschule Völker nehmen, der zum Zelten diente. Einmalig, kontrolliert mittels Bändchen – ohne Ausnahme.

„Sicherheit geht vor Schmuggelversuche“, ordnet Martin Völker am frühen Freitagabend entsprechend über sein Walkie-Talkie an, als am Eingang mal wieder einfallsreich getrickst wird, um Flüssigbrot aufs Gelände zu schaffen.

Völker, mit seiner Familie sozusagen Hausherr des Dieburger Festivals für Punkrock, Metal und weitere Formen der alternativen Rockmusik, war viele Jahre lang Vorsitzender von „Schallkultur“, hat den Posten inzwischen an Daniel Sündermann abgegeben. Dennoch scheint er wie eh und je zu den wichtigsten Machern des „Traffic Jam“ zu gehören: Mit Sündermann koordiniert er am Wochenende die zwölfte Auflage des Spektakels, das es – eine Pause gab es nur 2009 – seit 1999 gibt.

Satten Sound gab’s beim „Traffic Jam“ - hier von „The Eyes Of A Traitor“.

Freilich hat die Arbeit schon Monate vorab begonnen und die ganz heiße Phase eine Woche zuvor. Schließlich handelt es sich um eines der „Big Five“, wenn man diesen Begriff aus dem Tierreich auf die größten Dieburger Veranstaltungen übertragen darf: Neben Fastnacht, Schlossgartenfest, Maimarkt und Martinsmarkt strömen auch zum schönsten Stau des Jahres tausende Besucher. 2 000 Camping-Tickets, die fürs Festival und beide Tage auf dem Zeltplatz gelten, hatte „Schallkultur“ im Vorfeld abgesetzt. Am Freitag kamen bis 17 Uhr rund 350 Tagestickets hinzu, was noch etwas anwachsen und am Samstag wiederholt werden sollte. Jeweils rund 2 500 Musik-Fans an beiden Tagen belebten den trotz vorherigen Regens kaum matschigen Verkehrsübungsplatz – macht 5 000 Besucher insgesamt, wenn auch wegen Doppelzählung nicht 5 000 verschiedene Menschen. Punks sind dabei inzwischen rar geworden, wie es zumindest der subjektive Vergleich mit den Vorjahren suggeriert. Der satte Sound ist geblieben.

Neben dem Stammpublikum, das sich das Festival über die Jahre hinweg erarbeitet hat (Besucherrekord: 6 000), kommen auch immer wieder neue Gäste hinzu. So wie Thomas aus Bensheim mit seiner Crew, der gerade über den Zeltplatz streift: „Die meisten Bands kennen wir gar nicht, mal sehen, wann wir wieder aufs Gelände gehen“, meint er am Freitag. Für viele ist das Campen und die Leichtigkeit des Seins auf dem Zeltplatz seit jeher wichtiger als die Musik. Das hängt ein bisschen damit zusammen, dass beim Campen Mitgebrachtes verzehrt werden darf, während aufs eigentliche Festival-Areal Nullkommanull an eigenem Stoff mitgebracht werden darf. „Wir wollen ja unsere eigenen Getränke verkaufen“, sagt der aktuelle „Schallkultur“-Chef Sündermann.

So feierte das Festival-Volk in Dieburg

Traffic-Jam Festival 2011

Das trägt schließlich zur Finanzierung des Events bei, das geradezu spottbillig daherkommt: 25 Bands spielen an zwei Tagen – zum Preis von nur 23 Euro (Tagesticket: 13 Euro). Das lässt sich locker auch für ein gehobenes Mittagessen oder 90 Minuten Drittliga-Fußball ausgeben. Der Anspruch, ein möglichst wenig kommerzielles Ereignis anzubieten, hat indes die relativ geringe Bekanntheit der meisten Gruppen zur Folge (wegen niedriger Gagen), was eben zum Verbleib auf dem Zeltplatz beiträgt. Die Besucher, oft aus anderen Bundesländern, manchmal auch aus dem europäischen Ausland, erkennen das gerne an, verbringen einen spaßigen und günstigen Dreitages-Urlaub, denn die meisten reisen erst am Sonntag wieder ab.

Zudem bringen es die Festival-Macher – die meisten Mitglieder und Helfer von „Schallkultur“ kommen aus Dieburg, Münster und der näheren Umgebung und sind zwischen 16 und 30 Jahre alt – immer wieder zustande, in der Szene doch recht begehrte Bands nach Dieburg zu holen: „Headliner“ waren in diesem Jahr „Comeback Kid“ aus Kanada und die Amerikaner von „Agnostic Front“. Lob von Booking-Chef Thomas Hammermamnn gab es auch für die Dieburger Gruppen „They Shall Damage“ und „The Suicide Kings“.

Natürlich läuft der Aufmarsch von zweieinhalbtausend Personen im Industriegebiet-Nord nicht ganz ohne Probleme ab. Insgesamt herrschte wie immer beim „Traffic Jam“ jedoch eine äußerst friedliche, entspannte Atmosphäre. Einen echten Stau erlebte nur Jan Kutscher, der mit seiner Limousine die Bands vom Flughafen abholte: Er musste als Rechtsabbieger an der Dieburger „Chaos-Ampel“ reichlich Geduld mitbringen.

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