Gute Leute fallen im Handwerk nicht vom Himmel

Stichprobe auf „4. Energie- und Baumesse“: Schwierige Mitarbeitersuche

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Persönliche Fachgespräche an den Ständen der 22 Aussteller bildeten den Kern der „4. Dieburger Energie- und Baumesse“ in der Römerhalle.

Dieburg - Zum vierten Mal hatte der Allgäuer Veranstaltungsprofi Detlef Garthen am Samstag und Sonntag in Kooperation mit der städtischen Wirtschaftsförderung und dem Gewerbeverein zur „Dieburger Energie- und Baumesse“ eingeladen. Von Jens Dörr 

Der Zuspruch der Aussteller war gegenüber dem Vorjahr erneut rückläufig. Heizen, Sanitäranlagen, Barrierefreiheit, Energieerzeugung, Schimmelvermeidung und viele artverwandte Themen standen bei der „Energie- und Baumesse“ im Mittelpunkt in den Gesprächen an den Ständen, aber auch in den insgesamt sechs Fachvorträgen. In Stichproben wurde zudem deutlich, dass sich die Mitarbeitersuche auch für die hiesigen Unternehmen als große Herausforderung entpuppt. Zunächst zu den Zahlen: An der vierten Auflage der Energie- und Baumesse nahmen 22 Unternehmen teil, darunter eine Handvoll aus Dieburg, die anderen meist aus einer Umgebung von rund 20 Kilometern. An der Premiere 2014 hatten sich 36 Aussteller beteiligt, 2015 waren es 35. Schon im Vorjahr hatte es bei nur noch rund zwei Dutzend teilnehmenden Betrieben einen Aderlass gegeben.

Ob ein Grund für das Fernbleiben die in vielen Gewerken gute Auftragslage ist, die ein Werben um Kunden auf Messen im Grunde überflüssig macht, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Aus mehreren Gesprächen mit Unternehmern vor Ort ging derlei Erkenntnis hervor. Der Dieburger Raumausstatter Gerd Allmann – Mann der Gewerbevereins-Vorsitzenden Evelin Allmann, die die Messe gemeinsam mit Bürgermeister Frank Haus eröffnet hatte – beschrieb etwa, dass das Mitmachen für ihn einfach zum guten Ton gehöre. Aktuell arbeiten in seinem Betrieb drei Menschen, „vor ein paar Jahren waren es mal sechs“, so Allmann.

Die Reduzierung habe er aber freiwillig vorgenommen, weil mehr Mitarbeiter schlicht mehr Druck und Stress bedeuteten und er im kleineren Team selbst wieder stärker Hand bei der Umsetzung der Projekte anlegen könne, anstatt vor allem mit Auftragsbeschaffung beschäftigt zu sein. „Die eigentliche Umsetzung ist ja das, was mir Spaß macht“, so Allmann. Wie es wäre, wollte er seinen Betrieb personell doch wieder erweitern? Äußerst schwierig: „Kein Mensch will mehr Handwerk lernen“, sagte er. „Bei so vielen, wie heute Abitur machen, muss es auch unheimlich viele schlaue Menschen geben“, ergänzte er ironisch. Die Probleme bei der Mitarbeitergewinnung kenne er auch von Kollegen, etwa einem Elektriker.

Schon mehrfach selbst ausgebildet hat der Dieburger Bausachverständige Karl-Heinz Rosenkranz – besser gesagt: Er hat es probiert. „Keiner hat bei mir das erste Lehrjahr überstanden“, berichtete er am Samstag. Gleichwohl er umgänglich sei und sich intensiv um die jungen Menschen gekümmert habe. „Einer hat monatelang kein Berichtsheft geführt. Ich habe mich mit ihm an meinem freien Sonntag hingesetzt und das nachgeholt – da musste ich mir von seiner Mutter noch anhören, wie ich ihrem Sohn den Sonntag wegnehmen kann.“ Rosenkranz’ Feststellung: „Es ist für viele leichter, den Hartz-IV-Zettel auszufüllen, als sich beruflich zu behaupten.“ Dabei spreche er von deutschen Lehrlingen, wie er betonte.

In acht Schritten zu einer stilvollen Einrichtung

Seine Erwartungen, auch an schon ausgebildete neue Mitarbeiter: „Was jemand gelernt hat, ist fast egal. Er muss handwerksübergreifendes Geschick mitbringen, eine gute Auffassungsgabe, räumliches Denkvermögen, ein bisschen Fantasie – und auch ein bisschen Höflichkeit.“ Auftragsspitzen fängt Rosenkranz ebenso in einem Netzwerk mit befreundeten Unternehmen ab wie Rainer Liebig. Liebig ist Geschäftsführer der Reinheimer Justus Liebig GmbH, die mit einem zwölfköpfigen Team aus Ofenbauern, Fliesenlegern und Kaufleuten traditionsreicher Fachbetrieb ist und sich in der Vergangenheit nicht ganz so freiwillig wie die Raumausstattung Allmann verkleinerte. „Wir haben uns gesundgeschrumpft“, sagte Liebig an seinem Messestand, „1990 hatten wir mal 25 Mitarbeiter.“ Der damalige Preiskampf in der Branche habe zur Reduzierung der Belegschaft geführt. Dennoch bildete man über die Jahre hinweg stetig aus: „Aus Ex-Azubis von uns sind vier Meisterbetriebe erwachsen.“

Die besten Azubis seien immer jene gewesen, die gezielt auf den Betrieb zugekommen seien und die dortigen Berufe wirklich hätten lernen wollen. Zum Scheitern verurteilt sei es meist, wenn sich jemand aus einer puren Notlösung heraus bewerbe. Ob man sich mittlerweile wieder ein Wachstum beim Personal vorstellen könne? Liebig: „Wenn jetzt drei Leute vor der Tür stehen würden, würde ich nicht nein sagen.“

Vor der Tür der Römerhalle strahlte am Samstag und Sonntag unterdessen die Sonne vom Himmel. Schlechtes Wetter für eine Messe, die drinnen stattfindet? Nein, meinte Lianne Gabele von der regelmäßig vertretenen Dieburger Mietstation Gabele: „Wir haben festgestellt, dass bei schönem Wetter mehr Leute kommen. Bei schlechtem Wetter gehen sie erst gar nicht vor die Tür.“

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