„Stöbern in den Archiven ist wie eine Droge“

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Zwischen Alt und Neu: Hans Dörr an seinem Arbeitsplatz, der von Bücherwand und PC geprägt ist.

Dieburg (jd) ‐ „Es ist ihm ein persönliches Anliegen, gerade durch die Verbindung von Traditionellem und Neuem und deren entsprechender Weiterentwicklung das Interesse der Mitbürger an ihrer Heimat zu wecken.“ So steht es in dem Papier, in dem die Verleihung der „Ehrenplakette der Stadt Dieburg“ begründet wird.

Allein schon deshalb bemerkenswert, weil sich die Parteien in diesem Fall durch die Bank einig waren. Noch viel bemerkenswerter ist derweil die Person, der die Ehre zuteil wird: Der Dieburger Heimatforscher Hans Dörr wird die „Ehrenplakette“ in Kürze erhalten.

Mit der „Verbindung von Traditionellem und Neuen“ haben die Stadtverordneten in ihrer Begründung den Nagel auf den Kopf getroffen, wie beim Besuch in Dörrs Heim schnell klar wird. Der Computer steht dort unmittelbar vor einer beeindruckenden Bücherwand, an die sich Akten über Akten – jedoch wohlgeordnet - anschließen.

Essgerechte Aufarbeitung der Vergangenheit

Google und Staatsarchiv – moderne und traditionelle Recherchemöglichkeiten zugleich verwendet Dörr bei seiner Arbeit. Stets auf der Suche nach dem besten Ergebnis und mit dem Ziel, Historisches „essgerecht aufzubereiten“, wie der 79-Jährige sagt.

Ich bin ein fleißiger Archivgänger, immer auf der Suche nach etwas Neuem“, sagt der gebürtige Dieburger, der indes 40 Jahre im Schaafheimer Ortsteil Mosbach wohnte und als Lehrer arbeitete.

Dort begann er sich auch vermehrt für die Vergangenheit zu interessieren: „Wenn ich etwas entdeckt habe – etwa ein altes Gewölbe – wollte ich wissen, was es damit auf sich hatte“, erzählt Dörr. Immer mehr vertiefte er sich in die Materie - aus eigenem Interesse.

Heimatforscher mit guter Trefferquote

Zunächst war die Region Bachgau Mittelpunkt seiner Arbeit, zu Dieburg forschte er erst verstärkt, als er nach seiner Pensionierung zurück in die Stadt an der Gersprenz zog. „Dieburg wurde zwar schon ziemlich gut erforscht, dennoch finde ich immer wieder etwas Neues“, sagt Dörr. Der damit sein Licht ziemlich unter den Scheffel stellt: Das Buch „Dieburg im Teutschen Krieg 1618-1648“ (zusammen mit Werner Straszewski) und seine Recherche zum ältesten Zinsbuch der Stadt Dieburg aus dem 15. Jahrhundert sind nur zwei Beispiele von etlichen, in denen Dörr ein Stück Stadtgeschichte für die Nachwelt erhalten hat.

Das Stöbern in den Archiven ist wie eine Droge“, lacht Dörr. Entsprechend kann er bis heute kaum genug bekommen vom Wissen, das die Vergangenheit in Schriftform hinterlassen hat. Jeden Montag ist er mehrere Stunden lang Gast im Darmstädter Staatsarchiv, hat aber auch Archive in Mainz, Frankfurt und Würzburg schon mehrfach abgeklappert. „Nur selten findet man nichts“, spricht der sympathische Heimatforscher von seiner guten Trefferquote.

Aktenlesen erfordert viel Übung

Das Internet macht er sich manchmal im Vorfeld seiner Suche zunutze, findet online Verweise auf Akten, die er dann offline studiert. „Das Lesen der Akten allerdings erfordert jahrelange Übung“, sagt Dörr.

Schriftstücke aus dem Jahr 1450 etwa seien wegen Sprache und Schrift nicht einfach zu entziffern. Nicht selten muss er auch sein bestes Latein hervorholen, um weiterzukommen. Englisch und Französisch – beides lernte er in der Schule – kommen bei den Recherchen des Heimatforschers dagegen kaum zum Einsatz.

Seine Frau Elisabeth erdulde seine Leidenschaft eisern, schmunzelt Dörr derweil. Dass er nun die Ehrenplakette der Stadt Dieburg erhalte, komme für ihn überraschend, stelle aber eine große Ehre für ihn dar. „Das macht mich schon stolz“, erklärt der Dieburger, der heute in sieben Geschichtsvereinen Mitglied und seit zehn Jahren im Vorstand des Dieburger Heimatvereins tätig ist.

Auf der Spur eines Dieburger Kirchenraubs

Als unterhaltsamer wie informativer Referent ist Dörr ebenfalls gefragt – und wie zum Beweis klingelt am Ende des Gesprächs mit dem DA das Telefon: Hans Dörr wird wegen eines Grußworts angefragt.

Fraglich ist unterdessen, ob er dazu Zeit finden wird – die nächsten spannenden Forschungsergebnisse sind bereits im Entstehen. „Zurzeit bin ich auf der Spur eines großen Dieburger Kirchenraubs“, verrät Dörr schon mal.

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