Stück altes Dieburg war nicht zu retten

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Stundenlang kämpften die Feuerwehrleute gegen die Flammen.

Dieburg ‐  „Das kann doch nicht wahr sein. Wie geht es der Familie Steinmetz? Das war doch eines der schönsten Häuser in Dieburg.“ Fassungslosigkeit und Sorge waren am Dienstag in der Dieburger Innenstadt gesprächsbestimmend. Von Laura Hombach und Lisa Hager

Dass es irgendwo brannte, ließ schon von weit her der beißende Rauch, der sich über die Innenstadt gelegt hatte, befürchten. Dass mit dem Bekleidungsgeschäft in der Zuckerstraße 19 nicht nur eines der ältesten Fachwerkhäuser, sondern auch ein Dieburger Traditionsgeschäft in Flammen stand, wurde beim Blick in die Fußgängerzone traurige Gewissheit. Den ganzen Tag und die ganze Nacht waren Feuerwehrleute im Einsatz, um den Brand in der Zuckerstraße 19 und den im Dachstuhl des angrenzenden Hauses Nummer 17 unter Kontrolle zu bekommen. Während eine Ausbreitung des Brandes im Eckhaus zur Badgasse hin verhindert werden konnte, brannte das Haus der Familie Steinmetz vollständig aus. Am Tag nach dem Brand ist dort, wo gestern Morgen noch das zweitälteste Fachwerkhaus Dieburgs (Baujahr 1466) stand, nur noch ein kokelnder Haufen verbrannten Schutts zu sehen.

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Feuer in der Innenstadt

Neben der persönlichen Tragödie für die Familie Steinmetz ist der Brand auch eine kulturhistorische Katastrophe. Noch am späten Dienstagabend fiel die Entscheidung, dass auch die Fassade fallen muss. „Gegen 23 Uhr haben wir zusammen mit der Bauaufsicht, dem Katastrophenschutz, der Feuerwehr entschieden, dass das Haus nicht zu retten ist“, sagt Bürgermeister Dr. Werner Thomas, der zusammen mit den Einsatzkräften den ganzen Tag vor Ort war.

Das THW hatte mit einem Laserpointer immer wieder die Neigung des Fachwerkgiebels gemessen. Die Gefahr eines Einsturzes war zu groß, der Giebel schwankte um mehrere Zentimeter vor und zurück. Außerdem war ein Brandherd im hinteren Teil des Hauses nicht unter Kontrolle zu bringen. Auch am Nachmittag hatte sich ein Glutnest erneut entzündet. „Der Giebel musste fallen, daran führte kein Weg vorbei“, sagt Thomas.

Steinmetz wollte den Brand noch selbst löschen

Stundenlang kämpften die Feuerwehrleute gegen die Flammen.

Wie es nach dem Abbrennen des zweitältesten Gebäudes der Stadt weitergeht, ist erst einmal zweitrangig. Vorerst ging und geht es darum, was mit den Bewohnern des Hauses und der beiden Nachbargebäude geschieht. Schnell und unbürokratisch sind sie mit Hilfe der Stadtverwaltung und Pfarrer Alexander Vogl in Wohnungen untergebracht worden. Hans und Joachim Steinmetz, die Söhne des Hausbesitzers, wurden von Vogl in der gerade frei gewordenen Wohnung von Kaplan Omphalius in St. Wolfgang untergebracht. Eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung, die gerade die Wohnung ihrer verstorbenen Großtante in Groß-Zimmern auflöst, hat schnell mit Hilfe des Bauhofs Möbel von dort in das neue Domizil schaffen lassen. „Kleidung haben wir über die DRK-Kleiderkammer organisiert“, sagt Thomas.
Vater Hans Steinmetz („Kiras“), der mit seinen 86 Jahren den Brand noch selbst löschen wollte, wurde mit dem Hubschrauber in eine Spezialklinik für Brandverletzungen nach Ludwigshafen gebracht und dort in ein künstliches Koma versetzt.

Die Familie im gelb gestrichenen Haus links vom Brandhaus kam ebenfalls in der Nacht gut unter. Sie kann vermutlich heute schon wieder einziehen. Auch für die junge Familie in der ausgebrannten Wohnung im Nachbarhaus rechts daneben Nr. 17 - der Dachstuhl des drittältesten Fachwerkhauses der Stadt kann nach jetzigen Erkenntnissen wieder aufgebaut werden - wurde schnell eine Unterkunft gefunden: Sie verbrachten die Nacht nach dem Brand im Naturfreundehaus auf der Moret.

Der genaue Schaden steht noch nicht fest, er wird sich aber in einem sechsstelligen Bereich bewegen. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungen zur Brandursache aufgenommen und erbittet Hinweise unter  06151 9690.

Während sich Rettungsdienste, Stadtverwaltung und Pfarrer Vogl am Dienstagmorgen gleich der Versorgung der Brandopfer annahmen, kämpften die rund 75 Einsatzkräfte der Feuerwehren in Zuckerstraße und Badgasse gegen das Feuer. Allerdings standen beim Eintreffen der gegen 10 Uhr alarmierten Brandbekämpfer bereits das Dachgeschoss und das erste Obergeschoss der Nummer 19 voll in Flammen. Gegen 10.50 Uhr griff das Feuer auf den hinter dem Haus befindlichen Anbau über. Gegen Nachmittag war der Brand weitgehend unter Kontrolle, doch immer wieder lösten Glutnester in dem Lehm-Stroh-Gemisch des Fachwerkgebäudes Feuer aus. Auch in dem bereits gelöscht geglaubten Haus Nummer 17 brach gegen 15 Uhr noch einmal Feuer durch ein verborgenes Glutnest aus. Im Haus Nummer 19 dauerte es bis 5.30 Uhr gestern morgen, bis das Feuer endgültig unter Kontrolle war. Ein Feuerwehrmann wurde durch einen herabstürzenden Ziegel am Arm leicht verletzt. 
Gestern Morgen waren dann gleich Fachleute des Technischen Hilfswerks mit einem Bagger und Transportfahrzeugen vor Ort, um den Giebel kontrolliert abzutragen und die Überreste des Hauses abzutransportieren. Die Feuerwehr hielt weiter Brandwache und verhinderte durch weitere Löscharbeiten, dass sich erneut Feuer bilden konnte. „Alles lagert jetzt auf einer Wiese in der Nähe der Kläranlage“, sagte Thomas. Er dankt allen beteiligten Helfern, darunter den Feuerwehren aus Klein- und Groß-Zimmern, Groß-Umstadt und Münster. „Die Zusammenarbeit hat hervorragend funktioniert“, sagt er beeindruckt.

Gestern Nachmittag beschlossen Einsatzkräfte und Stadtverwaltung, die Badgasse an der Ecke zur Zuckerstraße bis auf Weiteres zu sperren, in der Zuckerstraße soll es eine halbseitige Sperrung geben. Der Kinderfastnachtsumzug am kommenden Sonntag soll wie geplant durch die Zuckerstraße geführt werden.

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