„Die Legende braut wieder!“

Süffiges Comeback nach 54 Jahren: „Löwen-Bräu“-Bier wieder da

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„Die Legende braut wieder!“: Dennis Braunwarth (links) und sein Vater Eric mit der neu konstruierten Brauanlage vor dem ehemaligen Sudhaus, das nun wieder für seinen einstigen Zweck genutzt wird. Am Martinsmarkt kann an allen drei Tagen gekostet und beim Brauen zugeschaut werden.

Dieburg - Länger als ein halbes Jahrhundert musste Dieburg ohne eigenes Bier auskommen. Mit dem „Löwen-Brau“ wird diese Durststrecke nun beendet. Eine erste Verkostung und ein Schaubrauen gibt es zum Martinsmarkt. Von Jens Dörr

Was haben das 50-jährige Bestehen des SC Hassia im Jahr 1963 und das Ende der Braukultur in Dieburg gemeinsam? Die Antwort kennt Eric Braunwarth, der den gleichnamigen Getränkehandel in der Zuckerstraße betreibt: „Zum Jubiläum der Hassia hat mein Vater Werner das letzte Dieburger Bier ausgeliefert.“ Seinerzeit zwangen Großbrauereien das seit 1899 von der Familie Braunwarth produzierte „Löwen-Bräu“ in die Knie. 54 Jahre nach dem Aus folgt nun das süffige Comeback.

Denn am Martinsmarkt kann erstmals wieder ein in Dieburg gebrautes Bier getrunken und vorbestellt werden. In 15-, 30- und 50-Liter-Fässer wollen Braunwarth senior und sein Sohn Dennis zweierlei Trunk ebenso vertreiben wie in Kästen mit 20 Halbliterflaschen.

Das klare „Dieburger Spezial-Vollbier“ mit 4,8 Prozent Alkohol wollen sie von nun an wieder regelmäßig herstellen, gleichfalls das dunkle „Gründerbier J. F. Braunwarth 1899“ (5,4 Prozent). Letzteres ist benannt nach Jakob Franz Braunwarth, der das Gelände in der Zuckerstraße 1897 von einem Metzgermeister erworben und im Jahr darauf den Bau der Löwen-Brauerei im Zentrum Dieburgs in Auftrag gegeben hatte.

Jakob Franz war der Großvater von Eric Braunwarth und der Vater von Werner Braunwarth. Werners Bruder Karl betrieb ab 1929 ebenfalls in der Zuckerstraße den zugehörigen Brauereiausschank; Jakob Franz braute sogar während des Zweiten Weltkriegs fleißig weiter. Auch die im Frühjahr 1945 in Dieburg einmarschierenden Amerikaner, die Sudhaus und Brauanlage des Familienbetriebs durch Granatenbeschuss schwer beschädigten, stoppten ihn nicht. Mit einfachsten Mitteln und größter Anstrengung reparierten Jakob Franz und Werner Braunwarth die Anlage wieder und versorgten Dieburg weiter mit Bier. 1946 eröffneten sie im Keller des an der Zuckerstraße liegenden Wohnhauses die legendären „Katakomben“ als neues Ausschanklokal.

Die besten Bier-Weltrekorde

Zwar starb Jakob Franz im Jahr 1956 und Werner Braunwarth musste die Brauerei sieben Jahre später aus wirtschaftlichen Gründen einstellen. Stets präsent war der (ursprünglich aus Eppertshausen stammende) Brauereigründer in der Familie Braunwarth jahrzehntelang jedoch unter anderem in Form eines gerahmten Bilds an der Wand im Wohnhaus.

Was im Jahr 2015 passierte, wirkt wie einem kitschigen Film entnommen, ist aber tatsächlich passiert: Bei Sanierungsarbeiten in der Zuckerstraße fiel durch Erschütterungen eben jenes Bild ab, wobei der Rahmen beschädigt wurde. Zum großen Erstaunen von Enkel Eric und Urenkel Dennis Braunwarth befanden sich im Bilderrahmen die Originalrezepte der Löwen-Brauerei.

Genau nach denen wird im reaktivierten Sudhaus im Innenhof des Grundstücks nun wieder gebraut. „Wir machen es zumindest so original wie möglich“, schränkt Eric Braunwarth ganz leicht ein. Was er meint: „Heute sind zum einen nicht mehr alle damaligen Malzsorten zu bekommen. Zum anderen müssen wir die roten Originaletiketten mittlerweile mit der Zutatenliste versehen.“ Diese Vorgabe habe es in den 50ern noch nicht gegeben.

Wie werde ich Brauer und Mälzer?

Die Rohstoffe für das „Löwen-Bräu“ kaufe man „so regional wie möglich“ ein, die Abfüllung wird ebenfalls in der Region vorgenommen. Eine eigene Abfüllanlage sei bei geplanten 100 Liter Ausstoß pro Sud („Theoretisch können wir in der eigens für uns konstruierten Brauanlage 300 Liter pro Tag herstellen“) unwirtschaftlich. Trotz der geringen Mengen soll das Dieburger Bier für jeden erschwinglich werden. „Niemand muss Angst haben, dass wir fünf Euro pro Liter nehmen“, verspricht Eric Braunwarth.

Er lädt alle Besucher des Martinsmarkts dazu ein, an allen drei Markttagen den Weg von der Zuckerstraße aus in den Innenhof des Getränkehandels zu finden, bei Gärung und Hefezugabe zuzuschauen und natürlich auch ein Gläschen (schon vorbereitetes) Dieburger Bier zu trinken. Die Rückmeldungen der ersten Tester seien äußerst vielversprechend gewesen. „Ich selbst könnte mich da auch reinsetzen“, meint Braunwarth senior. Die Vorfreude auf den Martinsmarkt und das Comeback des „Löwen-Bräus“ sind ihm in jeder Faser anzumerken: „Die Legende braut wieder!“

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