Szenen durch Kafkas Brille gesehen

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Der Esstisch stand im Mittelpunkt der Kafka-Szenen.

Dieburg - Sie tragen Mäntel. Sie tragen Hüte. Sie alle spielen Franz Kafka. „Ich würde gern einen Ausflug mit lauter Niemanden ins Gebirge machen“, sagt einer und kramt ein blauweißes Tuch hervor. Er vermummt sein Gesicht und steht auf. Andere folgen dem Beispiel. Von Fabian Sell

Gesang, ein Gesang maskierter Kafkas, setzt ein. Es ist eine von vielen eindrucksvollen Szenen, die das Ensemble aus Theaterlabor Darmstadt und Lebenshilfe Dieburg in „Kafkas Brille“ zeigen. Behinderte und nichtbehinderte Darsteller präsentierten nach dem Debüt „Projekt Sommernachtstraum – ein Stück Theater von Allen für Alle“ erneut ein inklusives Schauspiel.

Für Regisseur Max Augenfeld ist die Inklusion eine positive Erfahrung: „Es lief sehr gut und war eine Bereicherung“, sagte er auf Nachfrage unserer Zeitung. Aufführungen im „Theater im Moller-Haus“ und in der Centralstation Darmstadt hat die elfköpfige Gruppe bereits hinter sich. Am vergangenen Samstag präsentierte sie „Kafkas Brille“ nun in der Alfred-Delp-Schule.

Bedrohliche Geräusche

Die zahlreichen Besucher erwartete in der Aula allerdings eine spärliche Kulisse: Ein langer Esstisch mit Stühlen, eine weiße Leinwand mit Zitaten Kafkas. Doch für die folgende einstündige Reise durch Werke und Betrachtungen Kafkas brauchte es nicht mehr.

Ihre bedrohliche, groteske und doch faszinierende Gestalt nahm die Reise vielmehr durch Akustik und Sprache an. „Sie sind verhaftet“, lautete etwa der erste kurze Satz aus „Der Prozess“. „Warum denn?“ Einer stellte eine Frage, ein anderer antwortete: „Das können wir Ihnen nicht sagen.“ Und die Stimmlage wechselte – mal hoch, mal tief. Mal sprach man alleine, mal gemeinsam.

Eine kafkaeske Bedrohung umgab diese Szene – und viele andere ebenso. Eine Bedrohung, die ein absurder Mantel des Lärms umhüllte: Mal klapperten Tassen, mal klopfte es, mal schepperte es. Ruhe gab es am Familientisch kaum. Sprach einer, störten andere.

„Für mich war alles, das du mir zuriefst, geradezu Himmelsgebot“, begann die szenische Aufarbeitung von Kafkas „Brief an den Vater“. Gleichwohl andere ihre Aufmerksamkeit einem fiktiven Mahl widmeten, fuhr einer fort: „Knochen durften wir nicht zerreißen, du ja. Essig durften wir nicht schlürfen, du ja.“ Die Krönung des Widersinns bestand indes aus den Worten „Lecker, lecker“. Während der gesamten Schilderung wiederholte der Darsteller Christian Mürle diese – wieder und immer wieder.

Zwei Mal gar verließ der Lärm seine Hintergrund-Rolle und dominierte die Szene: Es begann mit Besteck, das leise, dann immer lauter auf den Tisch geschlagen wurde. Schreie ertönten, Trompetenklänge folgten - und entlang des Tisches: ein Tanz. Für einen kurzen Moment zerfiel das Schauspiel und überließ dem Chaos die Bühne.

Gregor, der Störenfried

Das Ende indes galt einer Darstellung aus „Die Verwandlung“. Gregor Samsas Metamorphose zum Ungeziefer war vollzogen. Die Familie stand beisammen. „Wir müssen versuchen, es loszuwerden“, sagte Tochter Grete. Im Hintergrund krächzte die Geige. „Wir müssen von dem Gedanken wegkommen, dass es Gregor ist.“ Und dann starb das Ungeziefer Gregor – es starb den bildhaften Tod unter dem Tisch liegender Schauspieler.

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