Test mit Fingerspitzengefühl

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Behutsam prüft der Sachverständige Walter Steinbrecher die Standfestigkeit der Grabsteine.  

Dieburg - Ein schwarzgekleideter Herr mit weißen Haaren und Strohhut war in den letzten beiden Tagen auf dem Dieburger Friedhof anzutreffen. Ruhig, ohne großes Aufheben, wanderte er von Grab zu Grab. Von Laura Hombach

Doch bei dem so besonnen agierenden Mann handelte es sich weder um einen Künstler, der den Dieburger Friedhof als Inspirationsquelle nutzen wollte, noch um einen Forscher mit dem Spezialgebiet Friedhofskultur. Vielmehr war der wohlbehütete Mann mit dem Namen Walter Steinbrecher ein von der Stadt beauftragter Sachverständiger, der zwei Tage lang die Standsicherheit der Grabsteine auf dem Dieburger Friedhof auf die Probe stellte.

Statt einer Staffelei hatte er deshalb auch ein Kraftmessgerät, das Kilogrammangaben anzeigt, an seiner Seite. Mittels dieses Geräts wurde die Standfestigkeit der Steine an den Grabanlagen getestet. Wieviel Druck ein Grabstein standhalten muss, ist dabei genau festgelegt: Auf Grabsteine mit einer Höhe bis zu 50 Zentimetern wird per Hand leichter Druck ausgeübt, Steine bis 70 Zentimeter müssen bei der Prüfung mittels Gerät 30 Kilogramm Belastung Stand halten, bei Steinen zwischen 70 bis 120 Zentimetern sind es 50 Kilogramm. Gemessen wird jeweils am oberen Ende des Grabsteins.

Von Stein zu Stein

Steinbrecher geht bei seiner Arbeit nicht nur mit großem Sachverstand zu Werke. Er trägt auch dem Umstand Rechnung, dass Grabstellen vor allem auch eine emotionalen Wert haben. „Ich versuche nach Möglichkeit immer so zu prüfen, dass ich die Grabstätte selbst nicht betreten muss“, erklärte er gestern beim Ortstermin auf dem Friedhof. Ganz ruhig und unauffällig arbeitete er sich so von Stein zu Stein, bedacht darauf, die Besucher des Friedhofs nicht zu stören. Dennoch war es ihm während seines zweitägigen Einsatzes auf dem Friedhof auch wichtig, als Ansprechpartner für die Angehörigen da zu sein.

Grabsteine, die den Test auf Standfestigkeit nicht bestanden haben, sind an den aufgeklebten gelben Warnhinweisen zu erkennen. Darauf hat Steinbrecher die Kilogrammzahl, die den Stein zum Wackeln gebracht hat, und die Ursache für die mangelnde Standfestigkeit notiert. „19 Kilogramm und lose Dübel am Fundament“ ist so etwa auf dem gelben Etikett eines Grabsteins zu lesen, den Steinbrecher gestern morgen überprüft hat. Die beanstandeten Grabstätten wurden von ihm zudem noch durch Fotografien und in einem Prüfbericht an die Stadt dokumentiert.

Nicht so dramatisch

Die Angehörigen, die sich wegen mangelnder Standsicherheit des Grabsteins nun um eine Behebung des Schadens kümmern müssen, werden in den nächsten Tagen schriftlich von der Stadt informiert. Bei sechs bis acht Prozent der Grabsteine hat Steinbrecher mangelnde Standsicherheit gemessen.

„Die Situation ist nicht so dramatisch wie erwartet“, kommentiert der zuständige Fachbereichsleiter öffentliche Einrichtungen, Wolfgang Dörr, erfreut den Befund des Experten. Dennoch gibt es Grabsteine, bei denen die Stadt nicht abwarten will und darf, bis ein Steinmetz sie wieder standfest gemacht hat. Dörr demonstriert an einem besonders wackeligen Exemplar, wie schnell es hier zu Verletzungen kommen kann. Ein Angehöriger muss bei der Grabpflege nur nichtsahnend an den Stein stoßen oder sich beim Aufrichten an ihm hochziehen wollen, schon ist das Unglück geschehen. Um solche Unglücksfälle zu vermeiden, werden die schlimmsten Wackelkandidaten von den städtischen Bediensteten sicher auf den Boden gelegt.

Denjenigen Angehörigen, die von der Stadt über die mangelnde Standsicherheit eines Grabsteins informiert werden, rät Dörr, sich am besten an den Steinmetz, der das Grab angelegt hat, zu wenden. Das Friedhofsamt hilft bei weiteren Fragen unter 06071 2002-220 gerne weiter.

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