Dieburg

„Teuren Porsche gefahren und trotzdem keine Steuern gezahlt“

+
Peter Zingler liest den Häftlingen in Dieburg vor.

Vom notorischen Einbrecher zum Drehbuchautor des „Tatort“ im Ersten - das nennt man wohl Karriere. „Man denkt ja immer, man kann das besser“, erklärt Peter Zingler seinen Beweggrund, Anfang der 80er Jahre mit dem Schreiben zu beginnen.

Dieburg (jd) - Zingler war kürzlich zu Gast in der Dieburger Justizvollzugsanstalt (JVA) - wobei Zingler selber wohl eher vom „Knast“ sprechen würde. Dabei handelte es sich nicht um Zinglers ersten Aufenthalt in der Dieburger JVA: Denn von 1980 bis 1984 saß der gebürtige Kölner, der damals aber schon in Frankfurt lebte, gegenüber dem damals noch bebauten Dieburger Altstadtgelände ein. Normalerweise hätte er es auch hier wie immer gemacht, hätte „die Knastzeit als Ruhezeit benutzt, um den nächsten Einbruch zu planen“. Doch diesmal kam es anders, wohl auch, weil ihm der Richter erstmals die Sicherheitsverwahrung androhte.

Diesmal ist der 65-Jährige also nicht Insasse, sondern auf Einladung von Ingrid Meradji, Lehrerin in der JVA, in die Altstadt gekommen, um vor etwa 20 Inhaftierten eine kleine Lesung mit Diskussion abzuhalten. „Ich war nie an der Filmhochschule, dafür habe ich eine Menge Lebenserfahrung“, sagt Zingler.

Und ob er die hat: Wegen zahlreicher Einbrüche, vor allem in den 70er Jahren, saß der Drehbuchautor mit dem wirren Haar gleich in mehreren Ländern im Gefängnis, floh vor der deutschen Justiz unter anderem nach Jamaika. „Ich saß auch in Marokko, das würde ich keinem empfehlen.“

Zingler redet auch heute nicht wie ein Geläuterter: „Mir ging's damals gut, ich bin einen teuren Porsche gefahren und habe trotzdem keine Steuern bezahlt.“

Dass sich Zingler nach seiner Entlassung aus der JVA Dieburg im Jahr 1984 zumindest ansatzweise vom Saulus zum Paulus wandelte, dafür hatte er noch in seiner Zelle den Grundstein gelegt: Als Insasse schrieb er erotische Kurzgeschichten und schickte die an die Magazine „Playboy“ und „Penthouse“.

„Penthouse kaufte dann völlig überraschend meine erste Geschichte“, erzählt Zingler. „Für 1 200 Mark, zu dieser Zeit ein Haufen Geld.“ Da auch der „Playboy“ auf seine Texte zurückgriff - sogar mit einem Honorar von 5 000 Mark, hatte Zingler erstmals in seinem Leben plötzlich legal Geld und war nach seiner Entlassung nicht auf kriminelle Machenschaften „angewiesen“.

Als dann sogar sein erstes Drehbuch - ebenfalls noch in der Dieburger JVA geschrieben - für 20 000 Mark wegging, war Zingler im Geschäft. Fortan verdiente er sein Geld durch das Schreiben. Und auch wenn sein Gesicht und sein Name nicht jedem präsent sind, so haben vor allem seine TV-Krimis Millionen Fans: Von 1990 bis 2003 schrieb Zingler 25 Drehbücher für den „Tatort“. In dem spielte er in Nebenrollen sogar mit, schrieb aber in der Hauptsache und lieferte weitere bekannte Drehbücher: Episoden von „Ein Fall für Zwei“, „Kommissar Rex“ und „Schimanski“ stammen ebenfalls aus seiner Feder. Pro „Tatort“-Drehbuch gibt es heute übrigens ein Autoren-Honorar von 60 000 Euro, wenn der Schreiber alle Verwertungsrechte an seinem geistigen Eigentum abtritt. Da schnalzte der eine oder andere der zuhörenden Häftlinge mit der Zunge.

In der Lesung vor den Dieburger Insassen - auch JVA-Leiterin und Regierungsdirektorin Ingeborg Growe-Zenz ließ sich die äußerst vergnüglichen 90 Minuten nicht entgehen - sparte Zingler die erotischen Geschichten aus und las stattdessen unter anderem aus seinem Buch „Risse im Fegefeuer“. Darin versucht der kriminelle Pole Boris, seine Knastzeiten möglichst in den Winter zu verschieben, weil es da im gut geheizten Gefängnis gar nicht so übel sei.

Kommentare