Zuerst fremd und dann erfolgreich

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Polizistin Anna Lange (links) und Alexandra Braun, ehemalige Goethe- beziehungsweise Landrat-Gruber-Schülerin, erzählten ihre Lebensgeschichte.

Dieburg - Fragt man junge Menschen nach ihren Vorbildern, stehen in der Rangliste der Ergebnisse in schöner Regelmäßigkeit nicht Mesut Özil oder Rihanna auf den vorderen Plätzen, sondern Mama und Papa. Und doch taugen die gewiss nicht immer in allen Facetten des Lebens als Vorbild, dem es nachzueifern gilt. Von Jens Dörr

Mütter von Migranten etwa machen nach dem Zuzug in die Bundesrepublik Deutschland eher selten berufliche Karriere. In diese Lücke stieß vergangene Woche die „Aktion Vorbild“ des Interkulturellen Büros des Landkreises Darmstadt-Dieburg (in Kooperation mit dem Polizeipräsidium Südhessen), die die Goetheschule besuchte.

Rund 70 Haupt- und Realschüler aus fünf diesjährigen Abgängerklassen hörten die Geschichten zweier junger Menschen mit „Migrationshintergrund“, wie es sich inzwischen als Bezeichnung zum Beispiel für Spätaussiedler aus Osteuropa oder Nachfolgestaaten der Sowjetunion eingebürgert hat. Obwohl den Begriff kaum ein Textverarbeitungsprogramm kennt, ist er gewiss nicht unzutreffend, um etwa das zu beschreiben, was Anna Lange nunmal ihr Leben lang begleitet: dass ihre Herkunft nicht zwischen Garmisch und Flensburg liegt, wo allerdings längst ihr Lebensmittelpunkt ist.

Polizeiausbildung mit Bravour gemeistert

Mit zehn Jahren kam Lange als Spätaussiedlerin aus Kasachstan nach Deutschland. Damals war es mit ihrem Deutsch nicht allzu weit her, „die vierte Klasse habe ich wiederholt, das war ganz schwer am Anfang“. 20 Jahre später saß sie in der Aula der Dieburger Schule und erzählte fließend in perfektem Deutsch - nur am rollenden „R“ merkte man ab und an, dass sie nicht in erster Linie mit dieser Sprache aufgewachsen ist. „Das versuche ich auch gar nicht zu verbergen - das bin ich, nur so bin ich authentisch“, sagte sie auf Nachfrage.

Mehr als diese sprachlichen Feinheiten interessiert die Schüler derweil anderes: Schließlich hat Lange inzwischen alle schulischen Hürden bis zum Fachabitur gemeistert und arbeitet heute als Polizeibeamtin in Darmstadt. Die dortige Ausbildung meisterte sie mit Bravour und weiß sich auch im beruflichen Alltag durchzusetzen. Auch wenn ihr einst ein Mann geraten habe: „Du bist eine Frau, du siehst gut aus, du bist Ausländerin - geh" besser nicht zur Polizei.“

Von derlei scheinbaren Hürden ließ sich Lange allerdings nicht aufhalten und zog ihr Ding konsequent durch. „Es ist hilfreich, wenn man die Kultur und die Sprache kennt“, stellte sie mit Blick auf Teile ihrer „Kunden“ sogar einen positiven Aspekt ihrer Herkunft heraus. Auch wenn sie sich in hitzigen Situationen gewiss auch Ausdrücke wie „Russenschlampe“ anhören müsse. „Da bin ich zu professionell, um mich drüber aufzuregen“, meinte Lange lächelnd.

„Die Hauptschule ist nicht das Ende“

Die Polizei hat das Potenzial der Migranten für die Sicherheit hierzulande ebenfalls längst erkannt - seit 1994 ist die deutsche Staatsangehörigkeit nicht mehr Pflicht, um Polizist zu werden. In Hessen haben derzeit 400 Polizisten einen Migrationshintergrund.

Mit Lange kam auch Alexandra Braun an die Goetheschule. Sie ging früher zum Lernen selbst dorthin, später auf die Landrat-Gruber-Schule. Heute arbeitet Braun im Kundenservice eines Raumausstatters. „Mein Chef freute sich, als er erfuhr, dass ich Russisch spreche“, berichtete die 24-Jährige von ihren persönlichen Erfahrungen und machte den Goetheschülern Mut: „Die Hauptschule ist nicht das Ende.“ Mehrfach erwähnte sie die Möglichkeiten, den Realschulabschluss draufzusatteln und später sogar das Abitur plus Studium. Rückblickend merkte sie an, in der Schule hätten ihr die Mitschüler mehr Probleme bereitet als die Lehrer. Und das Deutsch eben: „Das war schwierig. Mathe, Kunst und Sport habe ich aber mitgemacht.“

Ziele setzen, Barrieren überwinden: Das war das Vorgehen, das Lange und Braun in der Vergangenheit einte. Indem junge Menschen mit Migrationshintergrund von ihren Karrieren berichten, könnten sie Vorbilder für Jugendliche sein, stellen sich die Macher der „Aktion Vorbild“ die Auswirkungen ihrer Arbeit vor. An zahlreichen Nachfragen der Schüler zeigte sich, dass das zumindest eine Diskussion in Gang bringt und zum Nachdenken anregt - auch mit Blick auf die Berufswahl, die für die Goetheschüler jetzt oder bald ansteht. Eine Umfrage per Handzeichen ergab für die 70 Haupt- und Realschüler: Der Großteil geht im Sommer auf die Oberstufe, ein Viertel beginnt eine Ausbildung. Noch ohne Plan sind sieben der jungen Menschen.

Quelle: op-online.de

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