Tradition statt Konsumieren

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Lothar Lammer erklärt den Besuchern den Färbevorgang im Keller des Museums. Die Tücher sehen nach der ersten Färberunde noch unscheinbar und keineswegs indigoblau aus.

Dieburg ‐  „Soll ich lieber Blumen nehmen oder diese Eule?“ Groß ist die Auswahl an Modeln, die entweder in Holz geschnitzte oder in Metall aufgesetzte Muster haben. Vom Hasen passend zur Osterzeit über verschiedene Bordüren oder florale Motive - mit ein wenig Fantasie lassen sich kleine Kunstwerke gestalten.  Von Verena Scholze

Während sich Martina Bender noch unsicher ist, hat sich Begleiterin Andrea Conradi bereits entschieden: das Dieburger Schloss nebst Park voller Blumen soll es werden. Mit Feuereifer gehen die Besucherinnen ans Werk. Seit vielen Jahren finden im Schloss Fechenbach die Blaufärbertage statt, eine Attraktion, die viele Besucher von nah und fern nach Dieburg lockt. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Kunst des Blaufärbens in Südhessen ein Nebenerwerb für bäuerliche Familienbetriebe. „Dieses Jahr kehren wir zurück zu den Anfängen“, sagt Museumsleiterin Maria Porzenheim, denn die Kulisse ist nicht wie in den vergangenen Jahren im Anbau des Museums, sondern im alten Foyer untergebracht. Grund hierfür ist die Sonderausstellung „Tatort Talheim“, die sich über zwei Etagen erstreckt. Neben der Möglichkeit, eigene Stoffe zu gestalten, kann der Besucher auch bereits fertige Produkte erwerben. Alfred Thieme hat sie hergestellt, der in Pulsnitz eine Blaudruckerwerkstatt hat. Auch der von der Behindertenhilfe betriebene Laden „Unikat“ bietet passend zum Thema nur blaue Präsente zum Verkauf an.

„Das sieht ja komisch grün aus“

Eine Besucherin ist sogar bis aus Mainz angereist. Sie drückt die Model selbst auf ihr Tuch.

„Man leidet vor den großen Festen wie Ostern oder Weihnachten an Reizüberflutung“, sagt Besucherin Bender und ist froh über eine Abwechslung im Zyklus der derzeitigen Ostermärkte. „Hier findet man noch Tradition anstatt Konsum. Ich möchte ein kleines Osterpräsent und ein Tuch für mich gestalten“, sagt sie. Sie drückt die Model in die so genannte „Papp“ und danach auf das Tuch. Die Papp besteht aus einer Mischung: Pfeifenton und Kupferverbindungen verhindern während des Färbevorgangs das Eindringen der Farbe in den Stoff.
Nachdem der Stoff fertig vorbereitet und kurz getrocknet ist, wird er in den Keller gebracht, wo Museumsmitarbeiter Lothar Lammer den eigentlichen Färbevorgang in einem großen Bottich übernimmt. In dieser „Küpe“ ist eine Mischung aus Indigofarbstoff und Natriumdithionit. Knapp 15 Minuten dauert der Vorgang, danach prüft Lammer die Färbung, von der nach den ersten Malen noch nicht viel zu sehen ist. „Das sieht ja komisch grün aus“, ist einer der Zuschauer entsetzt, die den Färbevorgang neugierig verfolgen. Doch Lammer lächelt beruhigend, schließlich ist er der Fachmann am Bottich und begleitet die Blaufärbertage seit vielen Jahren. „Drei bis vier Mal kann der Vorgang wiederholt werden, um die Intensität zu steigern“, erklärt er. Am Ende wird mit einer schwachen Säure die Papp vom Stoff entfernt. „Früher legte man die Stoffe einfach in die Gersprenz, bis sie keine Farbe mehr absonderten“, sagt er augenzwinkernd. Bis Münster konnte man damals sehen, dass in Dieburg gefärbt wurde.

Eine weitere Besucherin ist Nähkursleiterin Heike Bühring. Aufmerksam verfolgt sie den Vorgang des Blaufärbens. „Alles rund um das Thema Stoff interessiert mich und schon nimmt eine neue Kurs-idee im Geiste Gestalt an“, sagt sie lächelnd und lässt sich von Lammer über den Färbevorgang informieren - intensiv, versteht sich.

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