Mit Tränen fertig werden

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Rachel Korsch leitet die „Lacrima“-Gruppen in Dieburg und Darmstadt. Die Handpuppe Oskar ist auch immer dabei.

Dieburg - Nach einem Verkehrsunfall kommt die Mutter schwerverletzt in ein Krankenhaus - sie wird es für ein Jahr nicht verlassen. Von Bettina Link

Von einem Tag auf den anderen steht der Vater mit den drei kleinen Töchtern im Alter von fünf, drei und einem halben Jahr alleine da. Dann passiert das Unfassbare: Der Vater verstirbt plötzlich an einem Krebsleiden.

Diese Geschichte gehört zu einem Mädchen, das bei „Lacrima“ (zu Deutsch: Träne) Trost gefunden hat. Die Einrichtung der Johanniter in Darmstadt und Dieburg begleitet Kinder und Jugendliche, die einen Elternteil, Schwester oder Bruder verloren haben, bei der Trauerarbeit. Wenn ein Elternteil oder ein Kind stirbt, wissen Erwachsene oftmals selbst nicht, wie sie mit ihrer eigenen Trauer umgehen sollen. Doch wie gehen Kinder mit dem Verlust um, und wie können Eltern ihnen zur Seite stehen? Bei diesen Fragen hilft „Lacrima“ weiter.

Kinder trauern anders

„Viele glauben, Kinder würden gar nicht trauern, doch das ist ein großer Irrtum“, sagt Rachel Korsch. Die Leiterin von „Lacrima“ hat schon viele Schicksale gehört und kennt viele Leidenswege. Jeder ist anders, aber alle haben eins gemeinsam: Im Leben der Betroffenen gibt es keinen Platz für Trauer. „Wir haben verlernt damit umzugehen, in der Gesellschaft ist das Thema tabu“, weiß die Heilpraktikerin, die „Lacrima“ 2010 in Darmstadt-Dieburg aufgebaut hat, um trauernden Kindern zur Seite zu stehen. „Kinder trauern anders und das müssen sie auch ausdrücken dürfen“, erläutert Korsch. Und „Lacrima“ gibt diesen Kindern und Jugendlichen den Raum, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Hier können sie reden, malen, toben oder sich einfach zurückziehen.

Es gibt aber auch einen festen Rhythmus in der Gruppenstunde, zu der sich alle zwei Wochen sieben Kinder bei den Johannitern in Dieburg treffen. So wird zu Anfang ein Sitzkreis gebildet und jedes Kind zündet eine Kerze für das verstorbene Familienmitglied an. Fehlen darf in der Runde auch nicht die Handpuppe Oskar - immer ein Ansprechpartner für alle Sorgen, die die Trauernden bewegen.

Schlafstörungen

„Kinder spielen ihre Trauer“, erklärt die Leiterin: Hat sich etwa ein Vater das Leben genommen, kann sich die Trauer in Wut äußern, die kann das betroffene Kind dann beispielsweise am Boxsack auslassen.

Andere Kinder wiederum bauen aus Matten eine Höhle und spielen, sie lägen im Sarg. „Das machen sie, um zu verstehen, was Tod bedeutet“, erklärt Korsch. Denn die Kinder müssten begreifen, was geschehen ist, betont sie. Beschönigende Worte, die von Eltern oft gewählt würden, weil sie hoffen, der Verlust sei so leichter für das Kind zu ertragen, könnten das Gegenteil bewirken. Korsch: „Sagt ein Vater etwa, die Mutter sei im Himmel, passiert es schon mal, dass das Kind bei der Urlaubsreise im Flugzeug fragt, wo denn nun die Mama ist.“ Folgenschwer sei auch die Aussage, der Verstorbene sei „eingeschlafen“. Dies führe bei vielen Kindern zu Schlafstörungen, weil sie Angst haben, nicht mehr aufzuwachen.

Während der Trauerphase bekommen auch die Eltern Unterstützung bei „Lacrima“. Parallel zu den Gruppenstunden der Kinder treffen sich die Eltern, um ihre Sorgen und Probleme zu besprechen.

Keine Therapie

Doch „Lacrima“ hat nichts mit Therapie zu tun, wie Korsch betont: „Trauer ist nichts, was therapiert werden muss, es ist etwas ganz Natürliches, wir müssen sie nur zulassen. Würden die Menschen offener mit dem Thema Tod umgehen, müsste es ,Lacrima’ nicht geben.“

Zurzeit sind die Gruppen ausgelastet. Die Johanniter bilden weitere Begleiter aus, denn das Angebot wird verstärkt von Trauernden nachgefragt. Zu einem ersten Gespräch können Betroffene jederzeit kommen.

  • Johanniter Darmstadt-Dieburg: 06155 600025, Ansprechpartnerin: Rachel Korsch, rachel.korsch@juh-hrs.de

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