6.000 Fans in Dieburgs größtem Stau

+
Fans vor der Bühne - stets bestens gelaunt.

Dieburg ‐  Stau gibt es auf dem Verkehrsübungsplatz der Fahrschule Völker normalerweise nicht. Einmal im Jahr sieht  das ganz anders aus... Von Jens Dörr

Und auch der Vorfahrtsregel wird dort selten so wenig Beachtung geschenkt wie an diesem Wochenende, an dem alles anders ist als sonst: Das Festival „Traffic Jam“ - Verkehrsstau auf Deutsch - feierte nach einem Jahr Auszeit sein Comeback.

Mit 3.000 Besuchern am Freitag und noch einmal so vielen am Samstag kratzte es dabei an seiner bisherigen Rekordbesucherzahl. 2.000 Fans von Punkrock, Metal und weiteren alternativen Formen der Rockmusik übernachteten zudem von Freitag auf Samstag und Samstag auf Sonntag auf dem zum Campingplatz umfunktionierten Übungsplatz.

Mehr Fotos vom Rock-Event:

6.000 Fans bei Rockfestival in Dieburg

Daniel Sündermann, Vorsitzender des ehrenamtlich ausrichtenden Vereins „Schallkultur“, muss das Interview am frühen Samstagabend mehrfach unterbrechen - sein Handy vibriert nahezu pausenlos. „Wir sind den ganzen Tag alle mächtig im Stress“, spricht er für sich und mehrere Dutzend Mitstreiter, die ohne jeden kommerziellen Hintergedanken das Musik-Event der - für Dieburger Verhältnisse - Superlative veranstalten. Er mache die Kasse und sei deshalb „nur am Rotieren. Die Leute brauchen ständig Wechselgeld.“ Hinzu kommt die Anspannung, dauernd nicht allzu geringe Beträge von A nach B tragen zu müssen.

Während auf der Bühne gerade die Band „The Ghost of a Thousand“ die letzten Schweißtropfen aus sich herausholt, scheint alles so zu sein, wie es soll - und tatsächlich klappt während des Festivals das Meiste reibungslos. In der Vorbereitung sei das anders gewesen, blickt ein sichtlich erschöpfter Sündermann, der „während des Festivals jedes Zeitgefühl verloren“ habe, auf die Tage von Montag bis Freitag zurück. „Da kamen Materiallieferungen zu spät, weil ein Lkw kaputt war. Allein dadurch haben wir anderthalb Tage verloren.“ Nicht nur da jedoch trat „Murphys Gesetz“ knallhart in Kraft: „Der Sturm am Mittwochabend hat unsere Bauzäune umgeworfen und viel Arbeit wieder zunichte gemacht“, sagt der 26-Jährige.

Reis fürs Band-Catering

Bis auf eine Absage allerdings seien alle Bands gekommen, einmal habe man kurzfristig für Ersatz gesorgt, resümiert der „Schallkultur“-Chef. Auch das meiste andere habe noch gut geklappt, die Abwicklung der Camper noch besser als beim letzten Mal, sagt Sündermann und schnauft ordentlich durch.

Sein Amtsvorgänger und Vereinsgründer Martin Völker bereitet im Backstage-Bereich unterdessen Reis fürs Band-Catering zu und wirkt trotz der Arbeit entspannter als Sündermann. Dem Sohn der Fahrschulchefin Ingrid Völker merkt man an, dass er seit Beginn des „Traffic Jam“ im Jahr 1999 mit von der Partie ist und das Wachsen des Festivals von einst 300 auf inzwischen 6 000 Besucher in allen Stadien miterlebt hat. Erfahren wirkt hinter der Bühne auch der Dieburger Christoph Rössel, der sich am Mischpult nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Julian Dörr aus Münster ist gerade dabei, den Bands „Sylosis“ und „Russkaja“, beim Tragen des Equipments zu helfen. Der „Russkaja“-Gitarrist überrascht derweil mit der Ansage, nicht nur vor dem Auftritt beschränke er sich auf Apfelschorle. Generell trinke er - entgegen manchem Vorurteil - keinen Alkohol. Für die Band aus Wien ist Dieburg eine Station ihrer Europa-Tour, die sie auch nach Tschechien und Ungarn führt. Die Österreicher sind ein Beweis dafür, dass das „Traffic Jam“ 2010 das internationalste seit jeher ist.

Stars der Szene auf dem Areal

Für viele sind aber weder Rahmenprogramm - BMX-Show, Feuerspucker und mehr - noch die lange Auftrittsserie, die am Freitag die Dieburger Band „Funkfragen“ eröffnete, das Wichtigste: Stattdessen ist das Zusammensein mit Freunden auf dem Campingplatz das, was wirklich zählt.

Was nicht heißt, die Veranstalter hätten für das geradezu lächerlich günstige Festival-Ticket - im Vorverkauf 18 Euro für 25 Bands - kein tolles Programm geboten: Mit „Combichrist“ und „Evergreen Terrace“ (beide aus den USA) etwa kamen Stars der Szene aufs Areal nördlich des Bahnhofs. Den Stau vor der Bühne vergrößerten sie dann noch erheblich. Was selten so egal war wie an diesem Wochenende.

Kommentare