Romane als Therapie

Von „Alkoholsucht“ bis „Zahnschmerzen“

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Mit ihrer ungewöhnlichen Lesung unterhielt die Autorin Traudl Bünger das Publikum in der Bücherinsel. Aufgrund ihrer verspäteten Ankunft hatte zuvor Inhaberin Claudia Kleene lesend gute Laune verbreitet.

Dieburg - Für jedes Problem gibt es den passenden Roman, sagt  Literaturwissenschaftlerin Traudl Bünger. In der Bücherinsel stellte sie "Die Romantherapie" vor.   Von Fabian Sell

„Die Literatur hat ihren praktischen Wert und kann zum Wohle der Menschheit eingesetzt werden“, sagte Autorin Traudl Bünger bei einer Lesung in der Bücherinsel, und meinte: Literatur kann das Empathie- und Reflexionsvermögen der Leser steigern und ihnen darüber hinaus Ratschläge für alle Lebenslagen liefern.

Der Anlass der Lesung war gleichsam der Beweis dieser These: das Buch „Die Romantherapie“, in dem von A wie „Alkoholsucht“ bis Z wie „Zahnschmerzen“ für zahlreiche Lebenssituationen die passende Lektüre empfohlen wird. Die eigentliche Idee zum Buch, so Traudl Bünger, stamme von Ella Berthoud und Susan Elderkin. Ihre Aufgabe bestand darin, die angloamerikanischen Empfehlungen ihrer Kolleginnen durch internationale und deutsche Titel zu ergänzen.

Facettenreich wie eine psychoanalaytische Therapie war jene Stunde, in der die Literaturkritikerin das Publikum originell unterhielt. Sogar ihre 40-minütige Verspätung nutzte die Autorin geschickt, indem sie sich mit Büchern für die Lebenssituation „In der Klemme stecken“ selbst therapierte. Sodann schlug sie einen Bogen von der Bedeutung von Romanen über die Lesung einzelner Passagen bis hin zur „Live-Therapie“ der Gäste.

So offenbarten vereinzelte Dieburger ihre Lebensprobleme mit einem Schlagwort - und die Autorin aus Köln verschrieb die passenden Werke: Gegen Prokastination - das Aufschieben unangenehmer Dinge - empfahl sie etwa Kazuo Ishiguros „Was vom Tage übrig blieb“. Denn: Menschen, die zum Aufschieben neigen, bräuchten eine Lektion über die Konsequenzen, die das Wegrennen vor unangenehmen Dingen haben könne. „Und wer könnte uns eine solche Lektion besser erteilen als dieser sehr englische, zugeknöpfte Butler von Darlington Hall.“

Als eine Besucherin beklagte: „Ich habe ein pubertierendes Kind“, war der erste Rat schnell gefunden: J. D. Salingers „Der Fänger im Roggen“ - wohl gemerkt aber, um die Probleme des Heranwachsenden besser zu verstehen.

Mal gespannt, mal lachend folgten die Anwesenden der Therapiesitzung. Die Reaktionen enstprachen der Absicht, die Traudl Bünger verfolgt: Die „Romantherapie“ soll ernst gemeinte Ratschläge liefern, sei stellenweise aber auch mit einem Augenzwinkern geschrieben. Und letztlich gehe es auch darum, „über Lektüre die Zeit zu vergessen.“ Denn das könnten alle in dieser eng getakteten Zeit gut gebrauchen, meinte sie mit einem letzten Therapievorschlag.

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