Traum vom Mühlturm: Mittelalter erleben

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Besonders markant hob sich der mittelalterliche Mühlturm in diesem schneereichen Winter ab. Sollten sich die Pläne des Heimatvereins irgendwann realisieren lassen, könnte rechts davon ein Stück überdachte Wehranlage wieder erstehen.

Dieburg ‐ Kein Wunder - sie hat ihn von Wohnzimmer und Garten aus ständig vor Augen, den Dieburger Mühlturm. Er ist der letzte der neun Türme der historischen ehemals 2,3 Kilometer langen Stadtmauer. Eine Herzensangelegenheit wird er für Anne Sattig bleiben, obwohl sie vergangene Woche den Vorsitz des Heimatvereins Dieburg abgegeben hat (wir berichteten).  Von Lisa Hager

Seitdem wird sie immer wieder darauf angesprochen: „Und was is mit'm Turm?“, sei die Standardfrage. „Der Vorstand hat mich beauftragt, mich weiterhin um den Turm zu kümmern“, stellt sie deshalb klar - ebenso wie um die beliebten Stadtführungen und Nachtwächterrundgänge. Zu dem 1220 erbauten Gemäuer, in dessen Inneres man nur über einfache Eisenleitern vorstoßen kann („Ich bin schon viel geklettert für den Turm“) hat sie eine ganz besondere Beziehung. Vom früheren Amtsgerichtspräsidenten Günther Huther bekam sie vor rund zehn Jahren die Schlüssel zu der verriegelten Außentür, die es im Mittelalter noch nicht gab. Seitdem sucht Sattig nach Möglichkeiten, den Turm für die Dieburger Bürger und Besucher von auswärts wieder zu einer begehbaren Attraktion zu machen.

Zumindest konnte seit damals jeder bei Stadtführungen wenigstens einen Fuß in den Turm setzen und erkennen, dass der untere Teil einst ein Verlies barg“, erläutert Sattig. Dieses dunkle Gefängnis war nur vom ersten Stock aus durch das „Angst- und Hungerloch“ zu erreichen. Die Verurteilten wurden per Strickleiter hinuntergelassen und nach Abbüßung der Strafe auf die gleiche Weise wieder hochgezogen.

Gutachten bescheinigt gute Substanz

Mittelalterliche Geschichte der Stadt könnte man in diesem Turm wieder ganz lebendig werden lassen. Der Heimatverein hat dies schon in den vergangenen Jahren mit Aktionen und Führungen im Rahmen seiner Möglichkeiten versucht. Der große Traum von einer Begehbarmachung oder gar einem Wiederaufbau eines Teils der dazugehörigen Wehranlage ist bislang unerfüllt geblieben.

Ein Gutachten des Bauhistorikers Dr. Hans-Hermann Reck (Wiesbaden) über den Turm, der um 1930 zum Großteil wieder aufgebaut und vor einigen Jahren aus dem Besitz des Landes Hessen an die Stadt überging, hat dem Gemäuer eine gute Grundsubstanz bestätigt.

Pachtvertrag des Heimatvereins geht noch bis 2012

Viel passiert ist allerdings seitdem nicht. Die schiefergedeckte Turmhaube - es fielen immer wieder Schindeln herab - wurde 2007 schließlich doch restauriert, weil die Stadt diesen „geschenkten Gaul“ nur in gutem Zustand übernehmen wollte.

So könnte die Treppe von Osten her aussehen, die in den Turm führt.Plan: M. Sattig

Seitdem war Sattig nicht untätig, zumal der Heimatverein den Turm von der Stadt gepachtet hat - der Vertrag läuft bis 2012. Sie selbst hat mithilfe ihres Sohnes, dem Architekten Matthias Sattig, schon Vorschläge über den Anbau einer Art eisernen Wendeltreppe unterbreitet, die den Turm erschließen soll. Sie würde auf der Ostseite in eine Tür führen, die an dieser Stelle wohl schon früher vorhanden war und von Wachleuten genutzt wurde. Dann müssten die noch in Teilen erhaltenen Blendarkaden wieder aufgemauert werden. Als letzten Schritt kann sich Sattig die Überdachung des Ganzen vorstellen, so dass der Besucher ein Stück wiedererstandener Wehranlage vor sich hätte.

Sattig: „Jetzt sind die Kommunalpolitiker gefragt.“

Auf rund 8 000 Euro schätzt sie die Kosten für die Treppe. „Das könnte der Heimatverein über Spenden zusammenbringen“, meint sie. Alle weiteren Arbeiten aber müssten die Stadt oder Sponsoren übernehmen.

Jetzt sind nach den vielen intensiven Vorarbeiten des Heimatvereins, den Recherchen und Gutachten, die Kommunalpolitiker gefragt“, sagt die „Mühlturmfrau“. Inzwischen ist sie anscheinend bei den Parlamentariern auf offene Ohren gestoßen: Auf Antrag von CDU und FDP soll jetzt der Magistrat prüfen, inwieweit der Turm wieder begehbar gemacht werden könne. „Wenn es in Zukunft die Rechte und die Finanzen erlauben, könnte auch der so genannte Wehrgang mit einem Stück Außenmauer wieder entstehen“, hatte CDU-Stadtverordneter Godehard Hagn beim Einreichen des Antrags im Parlament in die Zukunft geblickt.

Ob dieses „historische Kleinod“ - wie es in der Debatte genannt wurde - endlich wieder angemessen aufgewertet wird, ist nicht zuletzte eine Frage der Finanzen. Aber auch der Denkmalschutz hat ein gehöriges Wörtchen mitzureden. Bislang gibt es kein Signal dafür, dass die Kreisdenkmalpflegerin den Plänen des Heimatvereins besonders wohlwollend gegenüber steht.

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