„Uns würde gewaltige Stütze wegbrechen“

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Ein tolles Team sind Zivildienstleistender David Kopton und der kleine Rafael, den er in der Integrativen Kindertagesstätte „Kindernest“ betreut.

Dieburg ‐ „Es trifft einmal mehr den sozialen Bereich“, konstatiert Günther Lohre vom Landesvorstand der Johanniter und Frustration schwingt in seiner Stimme mit. Denn wenn die Pläne der Bundesregierung zur Verkürzung des Zivildienstes auf sechs Monate zum 1. Januar 2011 Realität würden, stünden die Johanniter vor einem großen Problem. Von Laura Hombach

Und damit wären sie nicht alleine, viele soziale Verbände und Einrichtungen im Raum Dieburg sind bei ihrer Arbeit auf die tatkräftigen Hände von Zivildienstleistenden angewiesen. Gerade bei den Institutionen, die in größerem Maßstab auf die Mitarbeit der jungen Männer bauen, würde die Verwirklichung der Bundesregierungspläne ein großes Loch ins Gefüge reißen.

Schon bei der gegenwärtigen neunmonatigen Dienstzeit ist es schwierig, die jungen Männer im sozialen und damit auch intensiv zwischenmenschlichen Bereich einzusetzen. Sollten die jungen Männer künftig nur noch ein halbes Jahr ihren Dienst tun, so stellen sich manche Verbände auf ein Weitermachen ohne Zivildienstleistende ein, andere wollen zwar nicht auf deren Engagement verzichten, wissen aber nicht, wie sie dann mit der erneuten Zeitverknappung umgehen sollen. Im Extremfall würde die neue Regelung zu einem eingeschränkten Leistungsspektrum oder zu einer Preissteigerung für die entsprechenden Leistungen führen.

So eben auch bei den Johannitern, die im Raum Dieburg derzeit 35 Zivildienstleistende in den Bereichen Behindertenfahrdienst, nicht qualifizierter Krankentransport, Hausnotruf und Essen auf Rädern im Einsatz haben. Sie klagen schon jetzt über zu wenig Manpower. „Wir haben versucht, die Zahl der Zivildienstleistenden zu erhöhen“, so Lohre. Die Stellen blieben aber unbesetzt, weil sich keine Bewerber fanden.

Schon heute bleibt von den seit 2004 geltenden neun Monaten Zivildienst nach Abzug von Schulungs- und Einarbeitungszeit, Urlaub und eventuellen Krankheitstagen nicht mehr viel Zeit für den tatsächlichen Einsatz übrig. Problematisch ist dabei vor allem auch, dass die jungen Männer ihren Zivildienst direkt nach dem Schulende antreten wollen. Bei einer Dienstzeit von einem halben Jahr würde in der ersten Jahreshälfte bis zum erneuten Schuljahresende somit eine große Zivi-Lücke klaffen.

Eventuell müssen wir unser Angebot dann ein Stück weit umstrukturieren, gerade auch für diese Monate ohne Zivildienstleistende“, erklärt der Dienststellenleiter der Caritas-Sozialstation in Münster, Klaus Grimm. Hier sind jeweils drei bis vier Zivis im Einsatz, kümmern sich in den Gemeinden Dieburg, Zimmern, Münster, Altheim und Eppertshausen um die Betreuung und Begleitung älterer Menschen und versorgen sie mit Essen auf Rädern.

Von einer konkreten Vorstellung, wie diese Umstrukturierung des Angebots aussehen soll, ist Grimm aber noch weit entfernt. Und auch wenn das kein Trost ist, so sind die meisten seiner Kollegen, die für die Organisation in den sozialen Diensten und Verbänden zuständig sind, ebenso ratlos.

Wir hoffen noch auf Sinn und Verstand“, appelliert Belinda Mann, Geschäftsführerin bei der Lebenshilfe Dieburg, an die Entscheidungsträger in Berlin. „Mit sechs Monaten Dienstzeit ist bei uns nichts mehr zu wollen.“ Ein großes Einsatzfeld der Zivis, die für die Lebenshilfe tätig sind, ist die schulische Integrationshilfe für behinderte Kinder. Hierzu bedarf es einer Einarbeitungszeit von drei Monaten, blieben nach der Gesetzesänderung noch drei Monate übrig. Drei Monate, in denen sich zwischen Kind und Zivi eine Beziehung entwickelt, nur damit sich das Kind nach wenigen Wochen wieder von der Bezugsperson verabschieden muss.

Die gleiche Problematik stellt sich beim Verein für Behindertenhilfe Dieburg und Umgebung, bei dem derzeit zwölf Zivildienstleistende im Einsatz sind und die festangestellten Kräfte bei der Arbeit in der Behindertenwerkstatt, bei der Betreuung der Wohngruppen und in der Integrativen Kindertagesstätte „Kindernest“ unterstützen. Bei sechs Monaten Zivildienst bliebe auch hier kaum Zeit, eine Beziehung mit den Behinderten aufzubauen. „Wir beobachten die Diskussion mit großer Sorge“, erklärt die pädagogische Leiterin Andrea Bartels. Käme es tatsächlich zu einer Verkürzung der Dienstzeit, so müsse man über Alternativen nachdenken. Alternativen, die sich die Leiterin des „Kindernests“, Anja Retzlaff, nicht vorstellen kann. „Ich weiß nicht, was wir ohne sie machen sollten, sie sind einfach super“, sagt sie über die beiden Zivildienstleistenden, die in ihrer Kita bei der Betreuung der Kinder mithelfen.

Bei uns werden häufig die gleichen Patienten über einen längeren Zeitraum gefahren, die müssten sich dann immer wieder an neue Leute gewöhnen“, erläutert der Geschäftsführer des DRK Dieburg, Jens Schwarz. Auch hier sind die Zivildienstleistenden über die pure Dienstleistung hinaus Bezugspersonen für die Menschen, mit denen sie zu tun haben.

Die Zahl der Zivildienstleistenden, die beim DRK Dieburg für den Krankenfahrdienst eingesetzt werden, wurde - auch als Folge der Verkürzung des Zivildienstes auf neun Monate - bereits von sechs auf vier zurückgeschraubt. Wären die jungen Männer jetzt nur noch ein halbes Jahr im Dienst, ginge das mit eindeutigen Qualitätseinbußen einher, befürchtet Schwarz.

Beim Rettungsdienst des DRK hat man bereits vor zwei Jahren Konsequenzen aus der knappen Zeit gezogen, die Zivis den Organisationen noch zur Verfügung stehen. „Wir stellen nur noch welche ein, die schon eine entsprechende Ausbildung im Rettungsbereich und einen C1-Führerschein haben“, erklärt Georg Berg, Rettungsdienstleiter des DRK Starkenburg, das den Bereich Darmstadt-Dieburg betreut. Gerade mal ein Zivildienstleistender erfüllt momentan diese Kriterien und ist für den DRK-Rettungsdienst im Einsatz. Bei einer Dienstzeit von sechs Monaten wäre die Beschäftigung von Zivis gar nicht mehr denkbar, sagt Berg.

Bei allen Bedenken gegenüber dem Einsatz von Zivildienstleistenden für immer kürzere Zeiträume wissen die Verantwortlichen aber auch nicht, wie sie die durch den Wegfall der jungen Männer entstehende Lücke schließen sollen. Junge Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr ableisten wollen, sind für die Organisationen momentan noch um einiges teurer als ein Zivildienstleistender. Für die Einstellung von mehr Personal müssten die Verbände noch tiefer in die Tasche greifen. Ein Griff, der sich im Zweifelsfall in einer Verteuerung der entsprechenden Leistung für die auf Hilfe angewiesenen Personen niederschlagen würde.

Uns würde eine große Stütze wegbrechen“, erklärt ein Mitarbeiter der Behindertenwerkstatt, der tagtäglich mit den jungen Leuten zu tun hat. „Zivildienstleistende sind tolle Menschen“, sagt er. Eine Einschätzung, die auch die Verantwortlichen der anderen Institutionen teilen und die weit über eine Wertschätzung des Zivis als billige Arbeitskraft hinausgeht.

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