Unterricht trotz des Höllenlärms der Motoren

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Diese Sonderpostkarte mit einem Sonderstempel hat ein alteingesessener Dieburger beim Stöbern in seinen Papieren gefunden.

Dieburg - Helmut Breitwieser hat die ersten Dieburger Dreiecksrennen als Schüler der Marienschule miterlebt. Hier sein Bericht. Von Helmut Breitwieser

Im April 1951 wurde ich in die Marienschule eingeschult, zu dem damaligen Zeitpunkt war gerade Rennen Nummer drei in Vorbereitung. Als Erstklässler waren natürlich die Eltern sehr besorgt und ich musste damals unverzüglich nach Schulende immer über die Klosterstraße nach Hause gehen, so konnte ich nur wenige Eindrücke sammeln. Ich erhaschte aber mit vorsichtigem Blick, dass zum Beispiel das Haus Ecke Kettelerstraße/Altstadt 21 (heute Gasthaus Kleine Glocke) mit Strohballen auf Fassadenhöhe gänzlich umstellt war. Später wurde mir das Warum auch klar, hier war ja eine rechtwinklige Kurve und zur Sicherheit für die zu schnellen Rennfahrer wurde vorsorglich zur Vermeidung von Verletzungen an den Häusern und an allen Bäumen in der Kettelerstraße die Strohballen aufgestellt.

Als ich dann in der 2. beziehungsweise 3. u. 4. Klasse war, wurde ich schon etwas forscher und betrachtete mir auch mal nach Schulschluss die Rennen.

US-Pioniere hatten extra zur Überquerung der Rennstrecke auf Höhe Gnadenkapelle/Häfnerweg eine Fußgängerbrücke gebaut. Natürlich war es für uns Schüler damals eine „Pflichtübung“ diese Brücke in Augenschein zu nehmen und auch mindestens einmal zu überqueren.

Der Sonderstempel zum Dieburger Dreiecksrennen 1948.

So saß ich dann auf der alten Friedhofsmauer der Gnadenkapelle gegenüber dem Gefängnis und beobachtete fasziniert die Rennfahrer mit ihren lauten Maschinen, die wir schon vormittags bei den Trainingsläufen bis in unseren Klassenraum hören konnten. Aufregend war für mich, wenn der Rennpulk mit zehn bis 15 Fahren mit bunten Helmen und schwarzen Lederanzügen aus Richtung Aschaffenburger Straße kam, am Gefängnis scharf abbremste, um die Kurve Haus Altstadt 21 (heute ein Gasthaus) zu nehmen, und dann wieder mit Vollgas durch die Kettelerstraße davonbrauste. Ein paar Nachzügler fuhren hinterher, die später teilweise sogar überrundet wurden. Trotz des Höllenlärms und des Spektakels ging der Unterricht in der Marienschule beziehungsweise bei unserem Klassenlehrer Hugo W. unvermindert weiter und wir mussten uns auf den Schulstoff konzentrieren, was für uns Grundschüler ja bei diesen Ablenkungsmöglichkeiten nicht gerade leicht war! So zählte ich im Stillen vor mich hin, wie lange man für eine Runde brauchte und sondierte, welche Kubikzentimeter-Klasse gerade die Strecke befuhr, denn an den Klängen konnte man mit großer Sicherheit einschätzen, welche Motorradklasse trainierte. Die hellen Töne waren den 125-er und 250-er Kubikzentimeter-Klassen und die dunklen Töne den 350-er und 500-er Kubikzentimeter-Klassen zuzuordnen. Besonders die schweren BMW-Maschinen konnte ich gut heraushören. (Rennautos starteten in den Fünfziger Jahren nicht mehr.)

Freitags/samstags waren die Trainingsläufe und dann am Sonntag die Wertungsläufe, beginnend mit den leichten Klassen und zum Schluss kamen die ganz schweren Beiwagenmaschinen (bis zu 1200 Kubikzentimeter; hier waren überwiegend die Beiwägen rechts von der Maschine montiert, es gab aber auch Außenseiter, die den Beiwagen links montiert hatten).

Die Wertungsläufe betrachtete ich an der B 26 Abschnitt Tankstelle Kistner und Kettelerstraße. Die Straße war von den Zuschauern stark umsäumt; als kleiner Schüler musste man sich da schon einen guten Platz mit Blick zur Kurve Kettelerstraße hart erkämpfen.

An Maschinentypen waren im allgemein vertreten: Adler, DKW, Horex, NSU, BMW, Norton, AJS, Matchles, MV-Agusta, Moto-Guzzi und auch Raritäten wie Eigenbaumaschinen (die Letztgenannten sind englische beziehungsweise italienische Fabrikate).

Für mich waren die Rennen der Seitenwagengespanne am aufregendsten, je nach Montage des Beiwagens mussten sich die Mitfahrer in den Kurven mal über den hinteren Sattelteil oder aus dem Beiwagen legen, wobei sie hierbei fast den Straßen-Asphalt berührten (in dieser Klasse gab es unter anderem die Asse Noll und Cron).

Einmal erlebte ich sogar, dass der Mitfahrer vom Sattel fiel, sich aber geschickt abrollte, der Maschine nachspurtete, der Fahrer bremste kurz ab, der verlorene „Fahrgast“ sprang mit Schwung in den Beiwagen und schon rasten sie wieder mit donnerndem Motor in Richtung Kistner davon.

Nach jedem Wertungslauf fuhr der Sieger, geschmückt mit einem Ehrenkranz und unter dem Jubel der Zuschauer eine Ehrenrunde.

Dieser Bericht hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern ist aus meiner Erinnerung als damaliger Schüler-Zeitzeuge abgefasst. Wie wir alle wissen, wurden für spätere Rennen keine Genehmigungen mehr erteilt, wobei wohl auch ausschlaggebend war, dass zur damaligen Zeit in Frankreich bei Le Mans ein schwerer Rennunfall mit über 70 Toten passierte.

Nicht unerwähnt möchte ich noch lassen, dass die Fahrer-Crews recht spartanisch in einem Zeltlager im angrenzenden Wald Richtung Groß- Umstadt untergebracht waren. Andere (berühmte) Rennfahrer hatten jedoch auch wiederum in Dieburg feste Quartiere als Gäste.

Als Junge fand ich die Rennen einfach toll und empfand das Motorengedonner als liebliche Musik, heute – fast 60 Jahre später - verabscheue ich die Raserei und den Lärm von überlauten Maschinen, die manchmal auch noch in der Neuzeit in Dieburg anzutreffen sind.

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