2016: Einfach haarsträubend 

Urban Priol wirft spitze Pfeile aufs vergangene Jahr

Auf dem Rednerpult eines „Ascheberschers“ wie Urban Priol darf ein (alkoholfreies) Schlappeseppel-Weizen natürlich nicht fehlen. - Foto: Hager

Dieburg - Wer ist am Schluss erschöpfter? Der Mann in den giftgrünen Turnschuhen auf der Bühne oder das Publikum in der ausverkauften Campus-Aula? Urban Priol jedenfalls scheint sein satirischer Jahresrückblick („Tilt!“), in dem er ein fast dreistündiges verbales Feuerwerk abfackelt, kaum anzustrengen. Lediglich zum Schluss freut er sich auf ein „richtiges“ Weizenbier und darauf, dass er am Stand im Foyer der erste ist. Von Lisa Hager 

Sein Stammpublikum – meist sogenannte „Bestager“, Leute im „besten Alter“ also – weiß, dass es Ausdauer haben muss. Und es amüsiert sich drei Stunden lang köstlich über diesen „gläubigen Katholiken“, der einen „Heidenrespekt“ hat vor vielem – nur nicht vor den Machthabern und Strippenziehern dieser Welt. Und so tigert er denn über die Bühne, als jage er den mehr merk- als denkwürdigen Ereignissen und Monstrositäten der vergangenen zwölf Monate hinterher. Gestik und Körpereinsatz – vor allem wenn es darum geht, wie seine Lieblingskanzlerin zu watscheln – lassen das Publikum ab und an ums Glas mit alkoholfreiem Weizenbier zittern.

Priols Logik ist schräg, aber spitzfindig, dass seine Vergleiche oftmals an den Haaren herbeigezogen sind, würde der Sturmfrisur-Träger wohl eher als Kompliment verstehen. Apropos Haupthaar: Eigentlich stehe es ihm selbst nicht zu, Witze über Frisuren zu machen, räumt er ein. Ein Zusammenhang zwischen fürchterlichem Styling und noch fürchterlicheren Politikern dränge sich aber leider auf, wenn man sich Trump, den Brexit-Jünger Johnson oder den verurteilten Niederländer Geert Wilders betrachte. Aber noch schlimmer als die Frisur ist die Tatsache, dass sich Trump („Ein Tourettesyndrom wird Präsident“) die versammelten amerikanischen Wirtschaftsbosse als Minister ins Haus hole. Aber auch andere Frontmenschen mit Hang zum Regieren bekommen das verbale Fett des Aschaffenburgers ab. Da springt er von den Grünen („der FDP mit Fahrrad“) mal schnell zu Sigmar Gabriel, der die Rüstungsausgaben halbieren wollte und sie verdoppelt hat: „Das ist der Jojo-Effekt, das kennt er vom Abnehmen.“

Weiter geht die wilde Jagd vom „Bosporussen“ Erdogan bis zur „Magnolie aus Stahl“ (Sarah Wagenknecht). Aus der Abteilung „Buntes“ kommen Logopäden-Schreck Till Schweiger und Veronica Ferres hinzu, die das „Gesichtsausdruckssharing“ erfunden haben. Und ab und zu meldet sich Altkanzler Schröder als „oberster Gasableser Putins“ mit selbstverliebtem „Hahaha“ authentisch zu Wort.

Wenig Fortschritte kann Priol in diesem Land erkennen, das mehr denn je von „German Angst“ gelähmt ist. Großprojekte sollten die Deutschen eh nicht mehr anfassen, bevor der Berliner Flughafen nicht fertig ist. Schließlich stünden andere große Herausforderungen bevor: beispielsweise nach dem Brexit alle diese Wirtschaftsflüchtlinge aus der Londoner City aufzunehmen, für die als Übergangslager schon mal der „Dschungel von Calais“ geräumt wurde.

Köstlich auch der von Priol gemimte Merkel-verliebte Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Was soll man dazu noch sagen, wenn ein grüner Politiker rechts von der CDU steht? Priol rauft sich nur symbolisch die Haare bei dieser rhetorischen Frage, schließlich stehen sie ihm eh schon zu Berge. „Was kann ich diesem Land überhaupt noch geben?“ Mit dieser selbstquälerischen Frage beschäftigt sich derzeit die CDU-Kanzlerkandidatin, Lieblingszielobjekt von Priols spitzen Pfeilen und von ihm als „Chefanästhesistin der Republik“ tituliert. Flugs hat er die Antwort parat: „vermutlich den Rest.“

Und zu allem geben die deutschen Stammtische ihren Senf dazu: Für alles und jedes wird dort „der Flüchtling“ verantwortlich gemacht, hat Priol belauscht. Kein Wunder, dass er dann gleich zu den „Voralpen-Taliban“ der CSU übergeht („Wenn du denkst es geht nicht blöder, kommt ein Tweet von Markus Söder“). Auch die „Auf-der-Maus-ausgerutscht“-Ausrede der Schießbefehl-AfDlerinnen Frauke Petry („mit den Traummaßen 33-39-45“) und Beatrix von Storch wird entlarvt. Priol reicht es für den Effekt, wenn er diesen Halbsatz in den Saal entlässt: „Das muss man sich mal vorstellen: Ein Storch, der auf einer Maus ausrutscht ...“

Immer wieder nimmt er die Position des kleinen Mannes ein, der doch so viel Macht hätte, wenn er sich dessen nur bewusst wäre. Aber was soll man da tun, wenn man auf die Sparkasse geht, 100 Euro anlegen will und mit dem Schreckensruf „Banküberfall!“ begrüßt wird?

Die Spitzfindigkeiten des unterfränkischen Satirikers bleiben einem bei aller Unterhaltsamkeit bisweilen im Hals stecken. Da hilft auch das traditionell optimistische Muster seines Oberhemdes nicht weiter. Bleibt nur mit ihm zu hoffen, dass das Jahr 2017 wieder genauso bescheuert wird wie 2016. Da kann man sich schon vorstellen, wie Priols Jahresrückblick 2017 in der Dieburger Aula ausfallen wird: haarsträubend.

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