„Ich trau mich nicht“

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Vor allem in den eh schon verengten Bereichen der Fußgängerüberwege wird es knapp: Hier hat kein Radler mehr Platz.

Dieburg - Die ältere Dame, die mit dem Rad auf dem Weg zum Friedhof ist, sagt es ganz klar: „Ich trau mich auf dem neuen Streifen nicht fahren, da kommen einem die Autos ja viel zu nahe oder sie fahren lange hinter einem her, weil sie nicht überholen können. Von Lisa Hager 

In meinem Alter muss man schon auf ein bisschen Sicherheit achten“, so die Rentnerin. „Ich fahre auf der Seite nur auf dem Gehweg – der ist ja schließlich breit genug für Fußgänger und Radler.“ Ein anderer befragter Radler bestätigt ihre Aussage: Auch er hat die Schutzstreifen auf der sanierten Groß-Umstädter nur einmal benutzt. „Einmal und nie wieder“, ist sein Fazit. „Das ist ja lebensgefährlich“, findet er deutliche Worte. Beim Proberadeln hat die Autorin ganz ähnliche Empfindungen: Seltsames Gefühl, wenn ein Auto wegen des Gegenverkehrs nicht überholen kann, unruhig hinter einem her tuckert und nah auffährt. Im verengten Bereich der Ampeln und Übergänge ist es gar unmöglich, den Fahrradschutzstreifen und die Autospuren gleichzeitig zu benutzen. Das braucht man nur einige Minuten aufmerksam zu beobachten,

„Um es vorweg zu nehmen, es gab keine Unfälle und keine Beschwerden im Ordnungsamt“, heißt es aus der Stadtverwaltung zum derzeit viel diskutierten Thema. Nach der Sanierung der Straße sei für manche Verkehrsteilnehmer das Gefühl aufgekommen, die Straße sei nun schmäler und somit nur langsamer und mit mehr Bedacht zu befahren, wird allerdings eingeräumt. „Ganz unrecht haben die damit nicht, denn die neue Gestaltung wurde so gewählt, dass alle Verkehrsteilnehmer nicht durch Schilder, sondern durch den Aufbau dazu veranlasst werden langsamer zu fahren“, heißt es weiter in der Stellungnahme. Als Novum, das zuerst einmal verwirrt, seien dann gleich die Fahrradschutzstreifen ausgemacht worden.

Doch die Breite der Fahrbahn zwischen den Schutzstreifen sei so gewählt, dass sich zwei Autos nach wie vor begegnen könnten. Diese Schutzstreifen, Teil der Fahrbahn und durch eine dünne, unterbrochene Linie markiert, sind mit Fahrrad-Piktogrammen gekennzeichnet. Autos dürfen auf Schutzstreifen nicht parken und nur ausnahmsweise fahren, beispielsweise wenn zwei Busse sich begegnen.

„Diese Streifen gibt es seit rund zehn Jahren und Studien haben belegt, dass sie zunächst auf Skepsis stoßen doch zu mehr Sicherheit und letztendlich auch zu Akzeptanz führen“, ist man im Rathaus der Meinung. Auf den Schutzstreifen seien Fahrradfahrer für Autofahrer besser zu sehen, besonders an Kreuzungen und Zufahrten. Diese seien bei Radwegen der häufigste Unfallort. Gegenüber dem Mitfahren auf der Fahrbahn hätten Radfahrstreifen und Schutzstreifen den Vorteil, dass Radfahrer an wartenden Autos (beispielsweise an Ampeln) bequemer vorbei fahren könnten. Dies sei für die Verkehrssicherheit von Bedeutung, da sie so aus dem „Toten Winkel“ der Autofahrer heraus in deren Blickfeld vorfahren könnten.

Schutzstreifen würden helfen, auch Konflikte zwischen Fußgängern und Radfahrern zu vermeiden, wie sie auf Radwegen oder bei erlaubter Nutzung des Gehweges vorkommen können. „Die unfallfreien ersten Wochen der neuen Groß-Umstädter Straße zeigen, dass die Entscheidung für Fahrradschutzstreifen richtig war“, lautet das Fazit aus dem Rathaus.

Das sieht Renee Exner aus der CDU-Fraktion, der das Thema auch im Parlament schon mehrfach angesprochen hat, ganz anders. Er meldet Bedenken an dem von den Behörden initiierten Pilotprojekt mit beidseitigen Fahrradschutzstreifen an. „Rad- und autofahrende Bürger berichten nach Nutzung der neu gestalteten Groß- Umstädter Straße aktuell von Gefühlen der Angst und Unsicherheit“, sagt er. Diese Empfindungen entstünden durch die offensichtlich verminderten Fahrbahnbreiten und seien durchaus nachvollziehbar und gerechtfertigt.

Die Richtlinien zur Straßenverkehrsordnung gäben hier klar die Maßstäbe für die Schaffung von beidseitigen Fahrradschutzstreifen vor. Für beidseitige Schutzstreifen brauche man eine Fahrbahnbreite von mindestens sieben Metern. „In der Umstädter Straße beträgt die Fahrbahnbreite an vielen Stellen aktuell aber nur 6,50 Meter“, so Exner. Dem Autofahrer stünden demzufolge pro Fahrbahnseite nach Abzug der Fahrradschutzstreifen (Mindestmaß 1,25 Meter) noch zwei Meter zur Verfügung. „Da zum Beispiel ein aktuelles Golf-Modell inklusive Spiegeln eine Breite von 2,27 Meter aufweist, bekommt das Wort Begegnungsverkehr hier eine ganz andere Bedeutung“, so der Stadtverordnete.

Dass bisher keine Unfälle passiert seien, sei positiv, aber kein Indikator dafür, ob eine Entscheidung richtig oder falsch war, folgert er. Die beidseitigen Schutzstreifen seien keine Entscheidung der Stadtverordnetenversammlung gewesen, erinnert er. Sie seien in der Planungsvorstellung 2011 nicht aufgeführt oder gar beschlossen worden. Dies sei erstmalig in der Stadtverordnetenversammlung am 24. Februar geschehen. Nach einem Vororttermin mit Polizei, der Unteren Verkehrsbehörde und der Straßenverkehrsbehörde hätten sich die Beteiligten zu den Schutzstreifen als Pilotprojekt entschlossen.

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