Voll unter verbalem Beschuss

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Da stehen ihm die Haare zu Berge: Urban Priol.

Dieburg ‐  „Lass' das Gymnasium doch gleich sausen, Hoffnung gibt's in Babenhausen.“ Der Aschaffenburger Unterfranke Urban Priol kennt sich aus im Hessischen jenseits Mains, das zeigte er mit diesem Spruch gleich zu Beginn eines voll gepackten Kabarettabends in der ebenso prall gefüllten Campus-Aula. Schon zu Teenagerzeiten des heute 49-Jährigen war klar, dass man „drüben“, sieben Kilometer flussaufwärts, als bedrängter Pennäler auf der hessischen Gesamtschule in Sicherheit war. Von Lisa Hager

Aber dann kam Roland Koch“, fügt er hinzu. Nun, das war zu viel verlangt von dem derzeit wohl schärfsten Kritiker der deutschen Politriege, schon zu ahnen, dass es nach Pfingsten vorbei sein sollte mit dem hessischen Landesvater. Und so konnte Priol, der wie ein Tiger im Käfig auf der Bühne hin und her pendelt, noch kräftig vom Leder ziehen gegen den Landes-Chef.

In einem Rundumschlag bekamen in drei Stunden erstaunlicher Bühnenpräsenz alle ihr Fett ab: die schwarzgelbe Tiger-Enten-Koalition, der kostenlose Ouzo beim Griechen, die Banken, Manager, der Zeitgeist, Glückspropheten, die Verblödungsmedien und natürlich auch sein intimstes Feindbild, Angela Merkel, die „Mutti der Nation“, die sich derzeit von „Miss Europa zur „Miss Management“ emporarbeite.

Priol bringt das mit, was man von ihm erwartet: verbales Maschinengewehrfeuer, plakatives Oberhemd, alkoholfreies Weizenbier auf dem Stehtischchen und die unverwechselbare Fönfrisur („Neulich war ich beim Frisör, warum tut nichts zur Sache“).

Priol auf dem Weg zum betreuten Wohnen

„Wie im Film“, so sein aktuelles Tourprogramm, feuert der Vollprofi seine Wortgranaten ab, die das Publikum durch die Einschlaghäufigkeit fast überfordern. Der rote Faden - Priol als arbeitsloser Kabarettist sucht in der Kompetenzabteilung für kreative Aufgaben (Arbeitsamt) neue Jobs - ist nur locker geknüpft. Immer wieder funkt auch das 17-jährige Töchterchen per Handy dazwischen: „Sie ist beim betreuten Fahren angelangt, ich auf dem Weg zum betreuten Wohnen.“ Da kommen ihm die selbst produzierten Klingeltöne - das Aufsprechen derselben hat ihm die Kreativabteilung vermittelt - gerade recht. Neben Franz-Josef Strauß melden sich Gerhard Schröder und Helmut Kohl in der Endlosschleife zu Wort. „Aber mit denen ist ja kein Geld mehr zu verdienen“, stellt der Stimmenimitator fest.

Überhaupt schrappt der Arme derzeit angeblich knapp am Burnout vorbei, gegen den er mittels eigener Hausbrennerei im Keller ankämpfe. Für ihn bleibe nichts mehr zu tun, die Politiker machten ihm den Job kaputt. „Ich schieb' den Stick einfach bei der Tagesschau in den Fernseher und dann in meinen Computer - fertig.“

Auch mit den selbst ernannten Experten im Lande kann sich Priol nicht anfreunden. „Da hat einer mal an der Eisdiele am Zitroneneis genascht und schon ist er anerkannter Polarforscher.“

Auch wenn der fernsehpräsente Kabarettist den großen Lamentator gibt, ist er selbst ein Ausbund an Fitness: Nach drei Stunden Ein-Mann-Show hat er noch Zeit und sichtbar Freude daran, Fans Autogramme zu geben und sich zusammen mit ihnen fotografieren zu lassen.

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