Mit Volldampf zurück in die Fünfziger Jahre

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Der Begründer der Rennen, Gustav A. Petermann  - heute 93 Jahre alt - schilderte am Eröffnungsabend auf humorvolle Weise, wie es damals zuging auf dem „Dieburger Dreieck“.

Dieburg ‐ Ohrenbetäubend röhrt es aus den Lautsprechern: Zur Ausstellungseröffnung im voll besetzten großen Saal des Schlosses werden die Besucher schon mal akustisch auf „Dreiecksrennen“ eingestimmt. Und das Fieber lässt die Augen der inzwischen ergrauten Herren gleich wieder jugendlich strahlen: Fritz Gullery (83) beispielsweise, einer der Siegfahrer des Rennens 1949 und Teilnehmer der Revivals von 2005 und 2009, sitzt auch im Publikum. Von Lisa Hager

Es war einfach verrückt, so etwas zu planen und umzusetzen“, räumte Gustav A. Petermann in seinem humorvollen Einführungsvortrag zur Sonderausstellung ein. Bei einer Spazierfahrt mit seinem Onkel hatte der Gründer des Darmstädter Motorsportclubs das „Dreieck“ - Aschaffenburger Straße, Groß-Umstädter Straße und B 26 - entdeckt. „Meine Heimatstadt lag in Trümmern und hier in Dieburg fanden wir zufällig diese guten Verhältnisse vor“, sagte er. Einen Unterstützer fand er in Bürgermeister Ludwig Steinmetz, der in den Rennen auch wirtschaftliche Chancen für Dieburg sah, das damals gerade mal 7512 Einwohner zählte. „Zu den Rennen kamen bis zu 75 000 Besucher“, erzählte Petermann. Sie reisten zu Fuß, per Fahrrad, mit der Bahn, mit Bussen und auf den Ladeflächen von Lastwagen an.

„Da hatte ich eine Lawine losgetreten“

Prachtstück und Mittelpunkt der Ausstellung ist die Rennmaschine von Uwe Schott auf Basis der Horex Regina.

Petermann zählt heute 93 Lenze, 1948 war er der jüngste Rennleiter Deutschlands. „Da hatte ich eine Lawine losgetreten“, räumte er im Rückblick ein. Das „Kabinettstück des deutschen Motorsports“ wurde das letzte Rennen im Jahr 1955 genannt. Es war international besetzt mit Rennfahrern aus zehn Nationen - bis aus Ceylon und Australien. Dann kam zum Entsetzen von Petermann das Aus: Wegen verkehrstechnischer Gründe durften B 45 und B 26 nicht mehr gesperrt werden. „Fairerweise hat mir das der Regierungspräsident frühzeitig gesagt, so dass noch keine Ausgaben angefallen waren“, sagte Petermann. „Wir sind dann trotzdem Freunde geworden und er durfte meinen Porsche fahren.“

Grundlage schufen die Sumerer

Ronald Gabele sprach für die IG Dreiecksrennen, die die Ausstellung in mühevoller Kleinarbeit aufgebaut und auch größtenteils selbst finanziert hat. Er dankte aber auch den Sponsoren, die tatkräftig mitgewirkt hätten.

Die Sonderausstellung ist während der Öffnungszeiten (dienstags bis samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 17 Uhr) bis zum 1. August zu sehen. An jedem ersten Sonntag im Monat ist eine Matinee geplant. Am Mittwoch, 28. Juni, steht ein Erlebnisabend mit Gustav A. Petermann auf dem Programm.

Mit einer motortechnischen Retrospektive wartete Dr. Norbert Gottlieb auf, der mit seiner umfassenden Sammlung an Miniatur-Blechfahrzeugen für staunenswerte Details in der Ausstellung sorgt. Da erfuhr man, dass das Rad vor 5 200 Jahren von den Sumerern erfunden wurde oder 1876 Nikolaus August Otto den ersten Viertaktmotor der Welt patentieren ließ. In der Ausstellung habe er auch versucht, den Eindruck der Zeit wiederzugeben, so Gottlieb. Deshalb seien auch D-Markscheine (Währungsreform), US-Armeefahrzeuge, Bundeskanzler Adenauer im Mercedes und ein Ruinenbahnhof zu sehen. Und man erfuhr, dass Gottliebs Motorleidenschaft in seiner eigenen Historie begründet liegt: „Mit zehn Jahren bin ich schon heimlich NSU Fox gefahren.“

Jedes Teil ist handgemacht

Lassen Sie sich in die Fünfziger Jahre versetzen“, forderte dann Erster Stadtrat Wolfgang Schupp das Publikum auf, bevor es zur ersten Begutachtung ging.

Schlagermusik der Fünfziger Jahre tragen ebenso zur authentischen Atmosphäre bei wie die von Dr. Norbert Gottlieb zusammengetragenen Blechfahrzeuge wie die BMW Isetta.

Die Ausstellung will einen Eindruck davon vermitteln, wie es damals an einem Renntag in Dieburg zuging. Am Eingang empfängt den Besucher eine Sitzecke mit Nierentisch und Kreuzstichdeckchen vorm voluminösen Fernsehgerät, in dem Filme von früheren Rennen und der Revivals von 2005 und 2009 laufen. Eine besonderes Schmuckstück ist das von Paul Staudt gefertigte AJS-Motorradmodell („Spring Twin“). Jedes Teil - vom Scheinwerfer bis zum Rücklicht - ist handgemacht. Bei vielen Besuchern lösen die Exponate persönliche Erinnerungen aus: „Wir sind auch mit der Isetta in Urlaub gefahren“, sagte beispielsweise ein Besucher aus Rodgau und deutete auf die entsprechende Vitrine. Und seine Frau ergänzte zur Verblüffung einer jungen Zuhörerin: „Und hatten die ganze Campingausrüstung mit dabei.“

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