Manfred Göbel berichtet beim Heimatverein über Massenauswanderung von Groß-Zimmernern

Aus Not über den großen Teich

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Manfred Göbel referierte über Groß-Zimmerner und Dieburger Auswanderer. 

Dieburg/Groß-Zimmern - 1846 verlor Groß-Zimmern mit einem Schlag ein Viertel seiner Einwohner. Armut zwang sie dazu, in Amerika einen neuen Anfang zu wagen. Den Zimmerner Gemeindevätern war das nicht unrecht. Von Michael Just 

„Niemals geht die Kerb vorbei“ besingen die Groß-Zimmerner gerne die aus ihrer Sicht schönste Feier der Welt und ihren Ort. Doch so schön war es bei den Nachbarn Dieburgs nicht immer: Wegen des allgemeinen Bevölkerungswachstums, wenig Arbeitsmöglichkeiten, der Teuerung der Lebensmittel und vor allem Missernten entschieden sich Mitte des 19. Jahrhunderts viele zum Auswandern und zum Neustart in Amerika. Das Jahr 1846 sprengte alle Rekorde: Mit fast 800 Menschen verlor Zimmern ein Viertel seiner damaligen Einwohner.

Schon seit Jahren recherchiert Manfred Göbel über die Massenauswanderung seiner Heimatgemeinde 1846. Zum Thema veröffentlichte er bereits ein Buch. Unter dem Titel „Auf nach Amerika!“ stellte er auf Einladung des Heimatvereins Dieburg nun seine Ergebnisse im Schloss Fechenbach vor. Der Vortrag stieß auf große Resonanz: Der Saal im zweiten Stock war voll belegt.

Die Zeitungen waren damals voll mit Anzeigen, die dafür warben, eine Überfahrt zu kaufen und den Neuanfang zu probieren.

Das verwunderte insofern nicht, da es 1846 auch in Dieburg Auswanderer gab. Mit 148 lag die Zahl aber deutlich unter der der Nachbarn. Soweit möglich, fügte Manfred Göbel, der in Darmstadt als Schulleiter tätig ist, Vergleiche zwischen Groß-Zimmern und Dieburg an. Dabei bezog er die Forschungsergebnisse des Dieburgers Frieder Boss mit ein.

Oft entschieden sich ganze Dörfer, alles hinter sich zu lassen. Vor allem die Armut bewegte die Menschen zum Fortgang. In Groß-Zimmern verdingten sich damals zwei Drittel der Bewohner als Dienstboten, Hausierer oder Tagelöhner. Vielen half die Gemeinde mit einem kräftigen Zuschuss bei den Kosten für die Überfahrt. Nicht nur im Zimmerner Rathaus kam man zu dem Ergebnis, dass es besser ist, einmal einen bestimmten Betrag auszugeben als fortlaufend Sozialleistungen zu bezahlen. So erhielt in Dieburg Anton Steckenreuter 48 Gulden von der Stadt. Der Maurergeselle gab bei seinem Antrag an, dass er nur über einen kleinen Lohn verfügt und ihm auch sein Vater nichts hinterlassen hat. So könnte er der Gemeinde ein „belästigendes Mitglied“ werden. Die finanzielle Unterstützung brachte die Kritik auf, dass man sich auf diese Weise recht unmenschlich der Armen entledigt. Auch Gefängnisinsassen mit kleineren Strafen erhielten Geld. 1846 machten die Zuschüsse im Zimmerner Gemeindehaushalt 58 Prozent aus.

Auf dem Rhein gelangten die Auswanderer zu den großen Abfahrtshäfen in Rotterdam, Antwerpen oder Le Havre. Diese Städte durchliefen fast alle Dieburger. Wer weniger Geld zur Verfügung hatte – und das waren nahezu sämtliche Personen aus Groß-Zimmern – fuhr von London oder Liverpool ab. Dort ist von einem Schiff belegt, dass die Passagiere zu 75 Prozent aus Zimmern stammten. Für die verbilligte, rund fünfwöchige Überfahrt von England nach Amerika mussten zum Teil katastrophale Bedingungen, wie Enge oder eine mangelhafte Verpflegung, hingenommen werden. Manchmal ging ein paar Tage vor der Ankunft in New York das Essen aus und es wurde gehungert. Auch Todesfälle durch Typhus traten auf.

Doch was ist aus den Menschen in der neuen Welt geworden? Das ist schwer zu sagen, da sich viele Spuren verlieren. Laut Göbel kann man aber davon auszugehen, dass es dem Gros besser oder sogar sehr gut ging. So schickten viele Auswanderer Geld an die Verwandten in der Heimat oder holten diese nach.

Der Groß-Zimmerner Georg Fischer brachte es zu Reichtum, indem er eine Apotheke eröffnete und mit der Firma Merck (1668 in Darmstadt gegründet) kooperierte. Nicht bei allen klappte der Einstieg auf Anhieb. So landeten erstmal 429 Groß-Zimmerner nach ihrer Ankunft in New York im Armenhaus. Nach einem Jahr belief sich die Zahl noch auf 25.

Mit seinem Vortrag machte Manfred Göbel die damalige Zeit erlebbar und gab zu verstehen, unter welch schwierigen Vorzeichen Amerika zum Teil besiedelt wurde.

Kerb 2017 in Groß-Zimmern: Bilder

Heiterkeit löste die Frage der ersten Vorsitzenden des Heimatvereins, Maria Bauer, aus, ob es Dieburger und Groß-Zimmerner gibt, die vielleicht jenseits des großen Teichs geheiratet haben. Göbel antwortete, dass es von seiner Seite, aufgrund der Brisanz solcher Verbindungen, bisher keine Nachforschungen gibt. Ohnehin hätten sich viele Spuren verloren.

Wie Maria Bauer lobte, wanderten nicht alle Zimmner aus. Darüber sei vor allem die Dieburger Fastnacht glücklich, der sonst ein ganz wichtiges Thema fehlen würde.

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