Wald behutsam „umgebaut“

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Unterhaltsam und informativ: Revierförster Peter Sturm beim Waldrundgang am Samstag. Rund 60 Bürger nahmen teil.

Dieburg - Was ist eine Eichenfraßgesellschaft oder warum heißt die Nachschwalbe auch Ziegenmelker? Diese und viele andere Fragen beantwortete Revierförster Peter Sturm beim traditionellen Waldrundgang der Stadt am Samstag. Von Matthias Grimm

Rund 60 Bürger waren am Samstagmorgen ans Spießfeld gekommen und machten sich gemeinsam mit Peter Sturm und Bürgermeister Dr. Werner Thomas auf den gut drei Kilometer langen Weg hinauf auf die Moret. Im Naturfreundehaus waren die Teilnehmer zum Abschluss des Waldrundgangs von der Stadt zum Eintopfessen eingeladen.

Nach wenigen Metern erläuterte Peter Sturm, wie die „Eichenfraßgesellschaft“ bekämpft wird. Diese ist eine Reihe von Schmetterlingsarten, zum Beispiel der Schwammspinner, deren Raupen besonders Eichenblätter auf ihrem Speiseplan haben, was bis zum Kahlfraß führen kann. Wiederholt sich dies, wird es für die Bäume gefährlich. In diesem Falle rücken die Forstleute den Raupen über den Sommer mit Variotrapp-Fallen, die mit einem Sexuallockstoff bestückt sind, zu Leibe. Werden mehr als 1000 Raupen gefangen, werden im zweiten Durchgang die Gelege gesucht und bekämpft.

Wald wird behutsam „umgebaut“

Doch nicht nur Schädlinge machen den Bäumen zu schaffen. Wenn sich, etwa durch die Klimaerwärmung, die Bedingungen ändern, haben es manche Baumarten an gewissen Standorten schwer. Der Förster reagiert darauf, indem in diesen Bereichen der Wald behutsam „umgebaut“ wird. Am Fuße der Moret in der Abteilung 3 können die Buchen mit ihren flachen Wurzeln nicht bis zum Wasser vorstoßen und beginnen im Alter von über 100 Jahren abzusterben. Hier werden nun in freien Flächen bewusst Eichen gesetzt – und zwar mit der Methode der Heissner-Pflanzung. Hierbei sind die Setzlinge bereits 1,80 Meter groß und werden punktuell in von Baggern ausgehobene Löcher eingesetzt. Die Eichen sind in der Lage, mit ihren Wurzeln durch die in diesem Bereich liegende Tonschicht ans Wasser zu gelangen. Thomas betonte an diesem Beispiel, dass „Entscheidungen, die wir heute treffen, den Wald in 200 Jahren prägen werden.“

Welcher Dieburger ist im Winter noch nicht die Moret hinab gerodelt? Wer aber weiß, dass es sich bei der „Skiwiese“ ursprünglich um eine Abraumhalde für den benachbarten Steinbruch handelt, die jedoch nie benötigt wurde? Die Freifläche lässt Peter Sturm jährlich mulchen, damit das Gras nicht kniehoch wächst und im Winter Hunderte von Kindern auf ihren Schlitten den Dieburger Hausberg hinunter jagen können.

Lebensraum erhalten

Den seitlichen Gegenhang aber hat sich der Wald über die Jahre Schritt für Schritt zurück erobert, was für den hier brütenden „Ziegenmelker“ ein Problem ist. Diese Nachtschwalbe brütet auf freien Flächen. Früher war er deshalb oft auf Weiden anzutreffen, die von den Ziegenherden abgegrast wurden. Der Volksmund unterstellt dem Vogel aus diesem Grund, er würde die Ziegen melken, wodurch die Vogelart zu ihrem Namen kam.

Der Gegenhang auf der Moret wurde jetzt teilweise von jeglicher Vegetation befreit, um dem seltenen Ziegenmelker den Lebensraum zu erhalten. Im Bereich Dieburg leben noch fünf der hessenweit 220 und bundesweit 3000 Brutpaare.

„Im Stadtwald gilt der Grundsatz der multifunktionalen Waldwirtschaft“, so Sturm. Der Wald erfüllt eine Erholungsfunktion, ist Lebensraum für Tiere, hält Wasser und Luft rein und liefert dem Menschen den Rohstoff Holz.

Im laufenden Jahr werden davon etwa 3500 Festmeter eingeschlagen. Damit wird im Stadtwald voraussichtlich ein Gewinn von 40 000 bis 50 000 Euro erwirtschaftet – der Gewinn für Mensch und Tier in den anderen Bereichen jedoch ist in Zahlen kaum zu erfassen.

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