Nur das Wetter, Boris Becker oder Fußball konnten die Besucher stoppen

Erstmals vor 125 Jahren: KMGV-Waldfest ist tief verwurzelt

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Vollen Körpereinsatz bringt im Jahr 2000 ein KMGV-Sänger, um das Banner des Vereins in die richtige Position zu bringen.

Dieburg - Viele Jahre war das Waldfest des Kellerschen Männergesangvereins (KMGV) eine feste Größe im Reigen der Dieburger Veranstaltungen. Am nächsten Wochenende erlebt es eine Neuauflage. Von Stephanie Stiefler 

Erstmals wurde im Jahr 1892 zum Waldfest der „Männersänger“ eingeladen. Ab dem Jahr 1959 wurde es, bis auf wenige Ausnahmen, jährlich gefeiert und fand mit dem 50. Waldfest im Jahr 2012 das vorläufige Ende. Damit dürfte das Waldfest des KMGV das Dieburger Vereinsfest sein, dessen Wurzeln am weitesten zurückreichen. Grund genug, einmal die Geschichte dieses Festes zu beleuchten.

Zum „Waldfest am Pflanzgarten“ lud der Vorstand des Männer Gesangvereins (damals hieß der Verein noch so) für den 22. Mai 1892 „höflich“ ein. „Abmarsch mit der Musik Punkt 3 Uhr vom Vereinslokal“ (damals das Gasthaus „Zum grünen Baum“) – so war es in der „Starkenburger Provinzialzeitung“ (Vorgänger des Dieburger Anzeigers) vom 21. Mai 1892 zu lesen. Laut Nachbericht am Folgetag „bewegte sich ein stattlicher Zug“ in den Wald, und es entwickelte sich dort „ein fröhliches Treiben, das die Teilnehmer bis zur Dämmerung fesselte“. Damit dürfte das allererste Waldfest ein voller Erfolg gewesen sein.

Eierlaufen (hier im Jahr 1969) war viele Jahre ein Teil der sehr beliebten „Kinderbelustigung“.

Warum es dann 67 Jahre bis zu einer Fortsetzung dauerte, ist nicht überliefert. Jedenfalls unternahmen die Mitglieder des KMGV (im Jahr 1933 wurde der Verein zu Ehren von Dirigent Ludwig Keller in Keller’scher Männer Gesangverein umbenannt) mit ihren Angehörigen am 12. Juli 1959 einen Waldspaziergang zur Gastwirtschaft „Zum Jagdhaus“ in der Forstgartenschneise. Damit war dort an diesem Sonntag sicherlich besonders viel Betrieb, denn zu dieser Zeit zählte der KMGV über 520 Mitglieder, davon gut 140 aktive Sänger.

Von 1959 bis zum Jahr 2012 wurde das Waldfest dann jährlich gefeiert, es hatte einen festen Platz im Terminkalender des Kellerschen Männergesangvereins und war sehr beliebt. Allerdings gab es auch Jahre, in denen das Waldfest entfiel. Das war der Fall, wenn der KMGV das Schlossgartenfest oder ein Vereinsjubiläum ausrichtete – oder wenn das Wetter so gar nicht mitspielte.

Der Name „Waldfest“ hatte sich bald durchgesetzt, obwohl es zu Anfang auch „Waldpartie“ oder „Waldspaziergang“ betitelt wurde. Der Ort des Geschehens jedoch wechselte im Laufe der Jahre mehrmals. So feierte man in den Anfangsjahren mitten im Wald zwischen Dieburg und Messel in der Forstgartenschneise (rechts der Darmstädter Straße/L3094), 1961 bis 1963 und 1967 in der so genannten „Hungerlücke“ am KJG-Häuschen (Nähe Urberacher Weg). Als der Zuspruch aus der Bevölkerung immer größer wurde, konnte das Fest im Jahr 1969 in das gerade fertig gestellte Freizeitgelände „Spießfeld“ umziehen, denn dort gab es nicht nur Strom- und Wasseranschluss, sondern auch die dringend benötigten Toiletten.

Dicht gedrängt saßen die Besucher beim Waldfest im Jahr 1969 auf den Bänken im Freizeitzentrum „Spießfeld“.

Dort blieb das Fest bis 2001 (9. – 39. Waldfest). Ab dem Jahr 2002 wurde dann zum Gelände am Juca bzw. rund um das Ringerheim am Mlada-Boleslav-Weg, dem Vereinsheim des KMGV seit 1993, eingeladen. Während Forstgartenschneise, „Hungerlücke“ und „Spießfeld“ im oder am Wald lagen, ist am Ringerheim kein Wald weit und breit. Trotzdem hielt man an dem bekannten Namen fest, und so feierte der KMGV die Waldfeste 40 bis 50 als vermutlich einziges Waldfest ohne Wald.

Der Zuspruch zu dem Fest für die ganze Familie war lange Jahre sehr groß. So wurden im Jahr 1960 an die 500 Besucher gezählt, 1972 konnte der KMGV über 1000 Besucher begrüßen. Im Jahr 1993 verkaufte man bis zu 80 Kuchen. Viele Jahre gab es sogar das Angebot eines kostenlosen Buspendeldienstes zu den etwas außerhalb gelegenen Festplätzen. Nur bei sehr schlechtem Wetter oder bei besonderen Sportereignissen (Fußball-WM 1974 und 1990, Wimbledon-Endspiel von Boris Becker 1985) war ein Besucherrückgang zu verspüren.

Viele Jahre fand das Waldfest ausschließlich am Sonntagnachmittag statt, ab 1972 startete man schon am Vormittag mit einem Frühschoppen, später nahm man auch den Samstagabend mit dazu. Seit 1979 startete das Fest mit einem Wald-Gottesdienst, dies wurde zu einer sehr schönen Tradition. Lange Jahre wurde dieser von Pfarrer Manfred Gärtner, später von den Kapuziner-Patern zelebriert und fand immer sehr großen Zuspruch.

Die Unterhaltung der Gäste lag dem Kellerschen Männergesangverein immer sehr am Herzen. In den Anfangsjahren spielten Kapellen wie „Congo Colibris“, „Die 4 Peters“ oder „Hottes“, später sorgten die „Dieburger Musikanten“ oder der Musikverein von St. Peter & Paul für musikalische Umrahmung des Festes. Natürlich kam der Chorgesang nicht zu kurz: Männerchor, ab den 90er-Jahren auch Frauen-, Kinder- und Jugendchor (gegründet 1989 bzw. 1994) unterhielten die Besucher.

Auch das „Sextett des Vereins“ (gegründet 1950), das sich später „Speeslochfinken“ nannte, trat zum Beispiel im Jahr 1964 beim Waldfest auf. Gerne kamen auch Gastchöre aus Nah und Fern zu Besuch. Mehrere Vereinsmeisterschaften im Fußball sowie Tauzieh-Wettbewerbe wurden im Laufe der Jahre ausgetragen, für die Kinder gab es Eierlaufen, Sackhüpfen, Kutschfahrten, später Kinderschminken, Telecomputerspiele, Hüpfburg, Bastelangebote und vieles mehr. Bei einer „Spielstraße“ im Jahr 1993 zählte man 110 teilnehmende Kinder.

Aber wenn diese Festivität so erfolgreich war, warum wurde im Jahr 2012 das letzte Waldfest gefeiert? so fragt man sich. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zu viele konkurrierende Feste in Dieburg bedeuteten stetigen Besucherrückgang, trotz vieler Anstrengungen war dieser kaum zu stoppen. Auch finanziell lohnte sich der große Aufwand dann nicht mehr. Außerdem wurde es mit den Jahren zunehmend schwieriger, die vielen Arbeitsschichten zu besetzten, die für den reibungslosen Ablauf des Waldfestes nötig waren – ein Problem, das jeder Verein kennt, der größere Feste organisiert.

Die Kuchen- und Salatbuffets waren immer reichhaltig und es gab viel zu tun. Aber für ein Lächeln für den Fotografen war doch noch Zeit (hier im Jahr 2008).

So gehört das Waldfest des KMGV der Vergangenheit an. In all den Jahren setzten sich viele, viele Helfer für den Kellerschen Männergesangverein ein, wurden unzählige Arbeitsschichten geleistet, jede Menge Kuchen gebacken und so mancher Schweißtropfen beim Auf- und Abbau vergossen. Das Wichtigste aber ist, dass bei allen 50 Waldfesten Vereinsmitglieder, deren Angehörige und alle Besucher viele schöne Stunden miteinander verbrachten und heute noch viele schöne Erinnerungen mit dem Waldfest des KMGV verbinden.

Auch um diese Erinnerungen 125 Jahre nach dem allerersten Waldfest wieder aufleben zu lassen, gibt es am nächsten Sonntag, 27. August,  ein einmaliges Waldfest-Revival an einem der ursprünglichen Festorte, nämlich im Wald zwischen Dieburg und Messel am Jagdhaus in der Forstgartenschneise (rechts der Darmstädter Straße/L3094), organisiert vom KMGV und dem Odenwaldklub Dieburg.

Bilder: Schlossgartenfest in Dieburg

Die Gäste erwartet ein Fest für die ganze Familie mit Gesangseinlagen der beiden Chöre des KMGV und Wald-Kinderspielen mit Förster Peter Sturm. Mit Kuchen und herzhaften Speisen können sich die Ausflügler vor Ort stärken. Start ist um 11 Uhr mit dem traditionellen Waldgottesdienst. Bei Regen steht eine Halle zur Verfügung.

Der Festplatz ist nicht mit dem Pkw zu erreichen, auch parallel zur L3094 darf nicht geparkt werden. Deshalb werden Besucher gebeten, zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu kommen. Für Gehbehinderte wird ein Shuttle-Service ab dem Leer-Parkplatz angeboten (10 Uhr/10.30/12.30/13.30/14.30 Uhr), aber ausschließlich mit vorheriger Anmeldung bis Samstag, 26. August, 18 Uhr, unter Telefon 1414. Weitere Infos im Netz: www.kmgv-dieburg.de

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