Wallfahrt: „Danach passt es im Leben wieder“

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Stimmungsvoll: Auch viele Kinder waren bei der Lichterprozession am Freitagabend dabei.

Dieburg - Die Luft ist frisch am Samstagmorgen, als die aufgehende Sonne die weiß-gelben Fahnen um die Wallfahrtskirche golden schimmern lässt.Von Michael Just

Aus dem Gotteshaus dringen bereits Lob- und Bittgesänge: Es sind die Wallfahrer aus Kirchzell, deren Pilgermesse schon um sieben Uhr begonnen hat. Sie sind traditionell eine der stärksten Gruppen und seit 350 Jahren bei der Wallfahrt nicht mehr wegzudenken.

Am Wochenende erwies sich die Resonanz zur Dieburger Wallfahrt und damit zur Geburt Mariens erneut als beeindruckend: Schon am Freitag wollte die Zahl der Katholiken bei der großen Lichterprozession kaum enden, die sich mit ihren Kerzen durch die liebevoll geschmückte Altstadt aufmachten. Voll war der Wallfahrtsplatz auch am Samstag beim Festgottesdienst mit Pfarrer Gerhard Choquet aus Bingen, genauso wie bei der Stadtwallfahrt am Sonntag, zu der sich die Gläubigen aus Eppertshausen um 6.30 Uhr zu Fuß aufmachten, um pünktlich um acht Uhr ihre eigene, traditionelle Eucharistiefeier zu ihrem Gelöbnis von 1944 begehen.

42 Kilometer und fast 1000 Höhenmeter

Mit den weitesten Weg der vielen Pilger aus der gesamten Region hatten die Gläubigen aus Kirchzell. Rund 100 liefen im klasssischen Sinne per Pedes und festem Schuhwerk nach Dieburg. Ein kleine Gruppe von 34 Personen machte sich bereits am Donnerstag auf. Über Box- und Vielbrunn ging es über die Burg Breuberg nach Groß-Umstadt, wo übernachtet wurde. Das waren 42 Kilometer und fast 1000 Höhenmeter. Die restlichen 65 stießen am Freitag in Groß-Umstadt hinzu, um gemeinsam die letzten 14 Kilometer zu bewältigen. Dass abends bei den „Zweitagesläufer“ noch ausreichend Kräfte für die Lichterprozession vorhanden sind, bestätigt Wallfahrtsleiter Klaus Mauder: „Wer sich für die zwei Tage angemeldet hat, ist fit.“

Mauder weiß, dass Glaube und Hoffnung, die die Kirchzeller mit sich tragen, etwas Besonders sind - ganz in der Tradition des Jahres 1630, als die fränkischen Odenwälder zum ersten Mal nach Dieburg kamen. Das war mitten im Dreißigjährigen Krieg, als Hunger, Pest und andere Seuchen das Dorf und die Umgebung heimsuchten. In dieser Notzeit wandte man sich an die Gottesmutter und gelobte die jährliche Wallfahrt zur Pietà nach Dieburg, sofern die Einwohner verschont würden. Bis heute hält man das Versprechen.

Tradition fortführen

Jedes Jahr mit dabei: Ilse Schneider. Wie oft die 72-jährige schon nach Dieburg kam, weiß sie nicht. „50 bis 60 Mal dürften es schon sein“, sagt sie. Schon als Kind, als sie noch nicht in der Schule war, faltete sie mit ihrer Mutter vor dem Dieburger Gnadenbild die Hände. Ihre Mutter lief sogar noch 92-jährig Teile des Pilgerweges mit. „Damals haben wir die ganze Nacht in der offenen Kirche verbracht und bis zum Morgen gebetet“, erinnert sich Schneider.

Im Gedächtnis ist der frommen Frau ebenfalls geblieben, bei einer Dieburger Familie namens Hiemenz übernachtet zu haben, die Pilger aufnahm. „Ich habe bei einer der letzten Wallfahrten mal am Briefkasten geschaut: Da steht immer noch Hiemenz. Das dürften die Nachkommen sein“, vermutet die Rentnerin.

Zur Wallfahrt ist Schneider mit ihrer Tochter Birgit gekommen: Sie wird die Tradition der Mutter und der Großmutter fortführen. Von den Wallfahrten nach Dieburg möchte Schneider keinen Tag missen: „Die Kraft, die ich hier rausgezogen habe, ist unheimlich. Danach passt es im Leben wieder“, sagt sie.

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