Warum Staat und Volk nicht zusammen passen

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Ein roter Damenblazer reicht Mathias Richling, um eine seiner „Lieblingsfiguren“ auf die Bühne der Campus-Aula zu zaubern.

Dieburg ‐  Da wird geschwäbelt, berlinert, gerannt und zwei Stunden pausenlos geredet, dass das Gehirnschmalz zu dampfen beginnt: Mathias Richling überzeugte am Samstag in Dieburg einmal mehr durch unvergleichliche Bühnenpräsenz und bitterböse Satire-Galle. Von Lisa Hager

Letztere schüttet er in seinem brandaktuellen Programm „Der Richling-Code“ gleichmäßig gerecht über den Machern des „Konzerns Deutschland“ aus. Kein zweiter deutscher Kabarettist setzt seinem Publikum ähnlich anspruchsvolle Texte vor, die er - immer in Bewegung - mit punktgenau gesetzter Mimik und Gestik serviert. Schade, dass die Campus-Aula nur zu zwei Dritteln besetzt war. Sollte da Richlings Aufgabe des „Satiregipfels“ der ARD, den er zwei Jahre lang in künstlerischer Eigenverantwortung führte, eine Rolle gespielt haben? Der „Satiregipfel“ konnte jedenfalls die Qualität seines Vorgängers, des „Scheibenwischers“ von Dieter Hildebrandt, nicht erreichen.

Jetzt will sich Richling hauptsächlich auf seine eigene Sendung „Studio Richling“ im SWR konzentrieren, so die offizielle Stellungnahme, und wieder mehr auf Tournee gehen, den direkten Kontakt mit dem Publikum suchen. Recht hat er: Denn die, die am Samstag nach Dieburg gekommen waren, konnten erleben, dass Richlings große Stärke in seiner Bühnenpräsenz liegt.

Überdimensionales Talkshow-Studio

Live und im richtigen Leben kommt er dann auch an in einem Bühnenbild, das einem überdimensionalen Talkshow-Studio in Schwarz-Rot-Gold-Dekor gleicht. Nach und nach werden die Karten aufgedeckt, das heißt die Namensschilder der Beteiligten umgedreht. Und so verwandelt sich Richling in Windeseile von Ronald Pofalla („eine beeindruckende Fähigkeit zur Farblosigkeit - das ist der Albino der Koalition“) über Ursula von der Leyen („Phantom der Seifenoper“) zu Gregor Gysi („Die Leute bei Lidl und Telekom haben wir doch ausgebildet, Mensch!“). Da darf natürlich auch ein martialisch gestikulierender Guido Westerwelle und ein gegelter, selbstverliebter zu Guttenberg nicht fehlen.

Immer wieder nimmt Richling die Klinke einer der Türen in die Hand, die das Bühnenbild gliedern. Aber keine Angst - er bleibt noch. Einen Ausweg aus diesem Deutschland, in dem Josef Ackermann leutselig-gemütlich mit einem Armen über das Thema Hunger plaudert, scheint es nicht zu geben.

Parforce-Ritt durch die Geschichte

Richling versucht mit einem Parforce-Ritt durch die Geschichte zu ergründen, woran Deutschland krankt und findet die Schuldigen: Den Siegermächten habe man diesen Zustand zu verdanken. Drohten sie nach dem Krieg doch mit üblen Torturen: „Ihr da drüben kriegt die Mauer und ihr im Westen die Demokratie.“

Mit diesem Geschenk tun sich die Deutschen bis heute schwer, zeigt Richling auf, wenn er so über die Polit-Köpfe der letzten 60 Jahre nachdenkt. „Meistens hatten wir beim Wählen einen miserablen Geschmack.“ Und: „Wenn etwas funktioniert hat in diesem Deutschland, dann war es die Gehirnwäsche.“ Hat er da die unsäglichen Dschungelcamps der Verblödungssender im Blick?

Die verquere Logik Richlings jedenfalls ist verblüffend, lässt sich aber meist wissenschaftlich erklären: Da ist es schreiend ungerecht, wenn den Reichen jetzt auch noch der Heizkostenzuschuss gestrichen wird. „Die hatten ja nicht mal einen!“ Und schließlich münden die Erkenntnisse im Spruch des herrlich Zigarette paffenden Helmut Schmidt: „Der Staat und das Volk passen von Haus aus nicht zusammen.“

Mutti Merkel darf nicht fehlen

Immer wieder kommt natürlich auch „Mutti Merkel“ ins Spiel: Schließlich hängt ihr roter Blazer mit den drei Knöpfen stellvertretend auf der Bühne. Und Richling braucht nur hinter ihn zu treten, um in die Rolle der Hände ringenden Kanzlerin zu schlüpfen. Auch sie legt eine verblüffende Logik an den Tag, um den Ist-Zustand in diesem Land als Erfolg als verkaufen. Das Brutto der Bürger sei heute nicht höher als vor fünf Jahren, konstatiert sie und folgert: „Das gibt den Menschen im Lande Planungssicherheit.“ Viele seien damit aber trotzdem nicht zufrieden, schüttelt sie ungläubig den Kopf. Sie könne aber auch anders, droht sie schließlich: „Wir könnten auch anfangen zu regieren!“

Richling begnügt sich nicht mit der Tagespolitik und den aktuellen Deutschland-Themen wie Kachelmann („Wetterexhibitionist“) oder Stuttgart 21 („Der Bahnhof soll wachsen dürfen, Stuttgart gehört unter die Erde!“). Er fasst auch die großen Fragen der Menschheit an und wundert sich, warum Google Street View nicht gleich in die Häuser kommt und den Inhalt der Schubladen filmt. „Da würde man wenigstens alles wieder finden.“

Vom Hausmeistermantel in den roten Talar

Als bieder-betulicher Wissenschafts-Fernsehmoderator Michael Bublath sinniert Richling zwischendrin immer mal wieder über Gentechnik, Umwelt-Katastrophen und die Thesen Darwins. Hat Gott den Menschen wirklich so gewollt? Man müsse Verständnis haben, meint er, schließlich sei es am Ende der Woche gewesen…

Aber auch die katholische Kirche bleibt nicht ausgespart. Seinen grauen schwäbischen Hausmeistermantel dreht er zum roten Talar um und spricht als Erzbischof Robert Zollitsch ein salbungsvolles Grußwort zum Thema Kindesmissbrauch.

Das Mona Lisa-Lächeln wird entlarvt

„Zugabe“ ruft jemand aus dem Publikum, als sich Richling nach zwei Stunden verabschiedet. „Ich dachte schon, das kommt gar nicht mehr“, sagt er und stürzt sich in die selbe: Seine Doppelrolle als weinseliger Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, der von einem chinesischen Reporter interviewt wird, gerät zum Höhepunkt des fulminanten Abends.

Als allerletzte Zugabe entlarvt Richling das Bildnis der Mona Lisa, die die ganze Zeit verdeckt auf der Bühne gewartet hat. Ihre Mundwinkel sehen einer bekannten deutschen Kanzlerin verblüffend ähnlich… .

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