Wechselbad der Gefühle: Luft 8, Wasser 23 Grad

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Trotz winterlicher acht Grad Lufttemperatur lässt sich im 23 Grad warmen Wasser gut aushalten. 

Dieburg ‐  Wo ist der Wonnemonat Mai? Mickrige acht Grad zeigt das Thermometer morgens an Christi Himmelfahrt an. Da verwundert es schon, dass sich zur Schwimmbaderöffnung zehn unempfindliche Wasserratten pünktlich um acht Uhr am Eingang tummeln. „Der harte Kern ist da“, sagt Helmut Blank, der zur Runde der Dauerschwimmer gehört. Während einige Vatertagsausflügler an diesem Tag ihre Winterjacken rausholen, kommt ein Schwimmwilliger gar mit kurzer Hose und T-Shirt angeradelt. VonMichael Just

Wir sind immer hier, da müssen wir heute auch da sein“, sagt Petra Kreher lachend, die die kühlen Temperaturen ebenfalls nicht stören. Wie die anderen zieht sie täglich ihre Bahnen - egal bei welchem Wetter. Im Winter ist sie im Münsterer Hallenbad zu finden.

Mir macht das Schwimmen einfach Spaß“, sagt sie. Dass sie ihre Oberarme reibt, weil es ihr doch ein bisschen kalt ist, sieht sie gelassen: „Im Wasser wird´s gleich warm.“ Mit dieser Prophezeiung behält sie recht: Exakt 23 Grad hat das Nass, die Gasheizung leistet ganze Arbeit, was an den großen, weißen Wolken sichtbar wird, die vom Dach eines Schwimmbadgebäudes aufsteigen.

Ein Prosit auf die neue Badesaison: Wer glaubt, dass sich das Ludwig-Steinmetz-Bad zur Eröffnung am Vatertag als verwaist präsentierte, der täuschte sich.

Bevor es ins Wasser geht. wird noch ein Glas Sekt auf die neue Saison getrunken. „Auf einen schönen Sommer“, hallt es in die Runde. Der Umtrunk verdeutlicht den Zusammenhalt der Dauerschwimmer, die sich auch im Winter einmal im Monat zum Kaffeetrinken oder zu einer Wanderung auf die Moret treffen. Die meisten Dauerschwimmer sind älter als 60 Jahre. Von Kindern oder jungen Erwachsenen ist zur Schwimmbaderöffnung nichts zu sehen.

Helmut Blank, bald 80 Jahre alt, schwimmt täglich zwei Kilometer. Das scheint der Grund dafür zu sein, dass er trotz seines weißen Bartes zehn Jahre jünger aussieht. Meistens kommt er sogar zweimal am Tag - morgens und mittags - ins Bad. „Das macht doch nix“, sagt er auf die Frage, ob ihm „zweimal umziehen und doppelt nass werden “ nicht zu viel sind.

Ein unbekanntes Gesicht fällt hier sofort auf

Zwischen Kabine und Becken müssen wir bei acht Grad ein bisschen spurten“, sagt Petra Kreher und ergänzt ironisch: „Die eiskalte Dusche wird jetzt besonders schön.“ „Ich begrüße sie zur Saison 2010 auf das Herzlichste“, meldet sich Schwimmmeister Holger Stahl über die Lautsprecheranlage. Jeden Morgen wünscht er den rund 40 Dauerschwimmern einen schönen Tag. „Das ist schon Kult“, meint er.

Die Schwimmenthusiasten kommen in zwei Etappen. Die einen um acht Uhr, die anderen um neun. „Die Späteren frühstücken erst oder lesen in Ruhe die Zeitung“, weiß Stahl.

Allen frühmorgendlichen Schwimmern sei gemein, dass es meist „Ur-Dieburger“ sind. „Ein unbekanntes Gesicht fällt hier sofort auf“, so der Bademeister. „Das ist wie im Wilden Westen, wenn ein Fremder in den Saloon kommt und der Piano-Mann zu spielen aufhört“, meint er lachend.

Dass trotz der kalten Luft Schwimmer gekommen sind, wundert ihn nicht: „In Dieburg ist das Wasser vergleichsweise warm. Andere Bäder heizen gar nicht, da hat es an einem Tag wie heute nur 18 Grad.“

Ob er heute selbst noch ins Wasser springt, beantwortet Stahl mit einem eindeutigen Kopfschütteln: „Nur mit Neopren-Anzug - das ist mir echt noch zu kalt.“

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