Wenn die frühen Fische ihre Bahnen ziehen...

Am frühen Morgen, der schon herbstlich wirkt, steht der Dampf über dem geheizten Wasser.

Dieburg - Trauer bei den Frühschwimmern: Die Saison im Bad geht zu Ende, aber die nächste kommt bestimmt. Von Lisa Hager

Wenn auch der Sommer nicht immer ein Sommer war, für die „Frühen Fische“ – so nennt sich eine rund 50-köpfige Gruppe begeisterter Dieburger Wasserratten – war er Schwimmerlebnis pur. Ursprünglich sollte das Bad schon am 10. September schließen. Dass die unermüdliche Truppe, die sich teils seit Jahrzehnten jeden Morgen der Saison im Freibad trifft, noch eine Woche Verlängerung geschenkt bekam, hat alle riesig gefreut.

Aber nicht nur die körperliche Betätigung im Wasser hält die Frühschwimmer im Alter von 51 bis 87 Jahren fit, frische Luft und die immer gute Stimmung in der gemischten Gruppe – zwei Drittel Frauen, ein Drittel Männer – halten Herz und Kreislauf jung.

„Frühe Fische“

Und so schwimmen „Dinosaurier“ und auch Frischlinge“ im großen „Fischteich“, dem Ludwig-Steinmetz-Bad in Dieburg. Und das bei jedem Wetter, ob Sonne oder Regen. Bei schon etwas kälteren Außentemperaturen wie in den vergangenen Tagen genießen sie das beheizte Wasser ganz besonders.

Mag sein, dass der diensthabende Bademeister etwas nervös wird, wenn er vor dem Öffnen die „Frühen Fische“ in großer Zahl am Gitter vor dem Tor um Einlass betteln sieht. Denn die unvermeidliche erste Frage, die ihm gestellt wird, heißt: „Wie viel Grad?“ Der zweite Blick gilt dem „weißen Rauch“, der aufsteigt: Er ist die Gewährleistung für angenehm warmes Wasser oder wie der Bademeister dann über Lautsprecher mitteilt: „Meine Damen und Herren, wir haben heute eine Wassertemperatur von 23,4 Grad.“

Noch vor einigen Jahren hatte die Gruppe einen 80-jährigen Mann in ihren Reihen, der den Tag mit einem Kopfsprung vom 10-Meter Turm begann. „Er kam übrigens immer heil unten an“, versichern die „Frühen Fische“.

Früher gab es noch mehrere Bäder

Einer der Älteren, also ein „Dinosaurier“, erinnert sich an früher. Noch bis in die Fünziger Jahre hatte die Stadt sogar mehrere „Schwimmbäder“: Das Herrenbad (zwischen dem Abgang des Herrngrabens von der Gersprenz und der Brücke im Zuge der K 128 über die Gersprenz) und das Damenbad (südlich der Brücke an der K 128 über die Gersprenz). Letzteres war von der Ostseite her mit hohen Brettern gegen neugierige Blicke gesichert. „Die Astlöcher in der Bretterwand waren bei der männlichen Jugend sehr beliebt“, so der „Dinosaurier“. Und dann gab es noch das Konvikterbad. Das war anfangs nur für die Internatsschüler des Konvikts vorgesehen und völlig naturbelassen.

Altbürgermeister Ludwig Steinmetz, nachdem das jetzige Bad benannt ist, war durch und durch Sportler. Besonders fußball und Schwimmen hatten es ihm angetan. Letzteres war wohl auch mit ein Grund dafür, dass er bereits Anfang der Fünfziger Jahre den Neubau des Schwimmbads vorantrieb. Als es 1953 eingeweiht wurde, galt es als eines der modernsten in Südhessen.

Pfarrer Geoerg war sehr streng

Zu dieser Zeit sprach man in Dieburg nicht nur vom Bürgermeister. Es gab sozusagen noch einen „Oberbürgermeister“, das war der Stadtpfarrer Geoerg. Pfarrer Geoerg war sehr streng, er duldete keinen Widerspruch und hatte ziemlich enge Grenzen hinsichtlich der allgemeinen Moral. So setzte er durch, dass am Eingang des neuen Schwimmbads eine große Tafel mit dem Hinweis „Bikini verboten“ angebracht wurde. Nur was ein Bikini ist oder wie so ein Ding aussieht, das war allgemein nicht bekannt. So kam es, dass eine 23-jährige gut gewachsene Schwimmerin mit einem zweiteiligen Badeanzug das Gelände verlassen musste. Dem Bademeister war nur bekannt, dass ein Bikini zweiteilig ist und somit war das, was er zu sehen bekam, eben verboten. Dabei war zwischen Badehose und Oberteil bestimmt nicht mehr als fünf Bauch frei gelegen.

„Für uns ist das Freibad jedenfalls ein echter Jungbrunnen“, sagen die Frühschwimmer übereinstimmend. Hier können sich alle gedanklich austauschen, die Geselligkeit ist allen sehr wichtig. Taucht ein „Geburtstagfisch“ auf, wird dessen Jubeltag nach dem Schwimmen gemeinsam gebührend gefeiert und auch außerhalb der Saison trifft man sich einmal im Monat.

Geht es unvermeidlich auf den letzten Tag zu, wird der Sommer im Bad gebührend mit dem „Abschwimmen“ verabschiedet. Jeder trägt etwas zur Verpflegung bei und das Personal wird – falls es deren Zeit erlaubt – mit zur Tafel gebeten. „Damit sie uns im nächsten Mai wieder reinlassen“, sagt ein „Dinosaurier“ schmunzelnd.

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