Wenn das Geld nicht reicht

+
Selbstbedienung ist bei der Tafel nicht erlaubt – Liselotte Kremer teilt gerecht auf, was da ist.

Dieburg - Kaum öffnen sich die Türen, ist der Andrang auch schon groß. Nach und nach füllen sich die roten Körbe mit Gemüse, Joghurt und Konserven. Sogar Blumen gehören zum Angebot. Von Bettina Link

Nein, das ist kein gewöhnlicher Einkauf in einem Supermarkt, sondern die Dieburger Tafel. Die Menschen, die hierher kommen, können es sich nicht mehr leisten, sich in gewöhnlichen Geschäften mit Lebensmitteln einzudecken.

Die Tafel greift da, wo staatliche Hilfen alleine nicht mehr reichen. Und weil bei immer mehr Menschen das Geld nicht mehr langt, wird die Tafel in Dieburg für Bedürftige aus der ganzen Umgebung zur zentralen Anlaufstelle, um sich mit Lebensmittel zu versorgen.

„Inzwischen kommen täglich rund 130 Familien zu uns“, sagt Tafel-Gründer Hartmut Luetz. Damit sind 2 700 Bedürftige in der Umgebung auf die Tafel angewiesen. Die 124 ehrenamtlichen Helfer verteilen in der Industriestraße tagtäglich das, was bei den 28 Supermarktketten in Dieburg und Umgebung aus dem Verkauf genommen wird.

Landrat beeindruckt von dem Engagement

Weil der Bedarf immer größer wird, haben die Helfer alle Hände voll zu tun. Von ihrer ehrenamtlichen Arbeit, machte sich auch Landrat Klaus-Peter Schellhaas am Donnerstag ein Bild und war sichtlich erstaunt über die Vielzahl der bedürftigen Kunden und beeindruckt von dem Engagement der Helfer. „Die Tafel ist aus der Gesellschaft einfach nicht mehr wegzudenken“, sagt der Landrat bei seinem Besuch der Tafel, die eine Station seiner „Landrats-Tour“ war.

Eine der ehrenamtlichen Helfer ist Renate Sandmann. Sie wirft erst einen Blick auf die kleine Plastikkarte des Kunden, bevor sie Joghurt, Schmand und Sahne ausgibt. Auf der Karte steht, wie viele Personen in einem Haushalt leben. Entsprechend werden die Lebensmittel verteilt. „Wir teilen alles ein und sagen, wer was mitnehmen kann“, erläutert Hartmut Luetz, der die Tafel vor sechs Jahren gründete. So verwehrt Renate Sandmann einem Kunden etwa den Trinkjoghurt, denn „der ist für die Kinder“, sagt sie. Sie erhält keine Widerworte, der Mann freut sich auch über einen Bananenjoghurt, den Renate Sandmann ihm reicht. Behutsam legt er ihn in seinen Korb und geht an die nächste Theke. Dort verteilen unter anderen Ingrid Haller und Liselotte Kremer frische Lebensmittel wie Obst und Gemüse sowie Konserven.

Geld reicht trotz Arbeit nicht

Selber aussuchen ist hier nicht erlaubt, die Tafel ist eben kein Supermarkt. Nach zwei Stunden, um 12 Uhr, ist alles leer „und das jeden Tag“, sagt Luetz, der eine immer größer werdende Logistik zu stemmen hat.

Landrat Klaus Peter Schellhaas staunt nicht schlecht beim Anblick des Bergs an Akten, den die Tafel aufbewahren muss. In Anbetracht der Logistik, derer es bedarf, um die Menschen zu versorgen, steht für den Landrat fest: „Die Tafel ist ein richtiges mittelständiges non-profit Unternehmen“.

Auch wenn die Tafel eine wichtige Initiative ist und vielen Hilfebedürftigen die Versorgung erleichtert, steht sie doch für eine Entwicklung, die keiner der Helfer gerne sieht. Da sind sich Hartmut Luetz und Volker Ewald mit Schellhaas einig: „Es ist eine traurige gesellschaftliche Realität“, so der Landrat, der auch darauf hinweist, dass nicht nur Menschen ohne Arbeit auf die Hilfe der Tafel angewiesen sind, sondern auch immer häufiger die kommen, deren Geld trotz Arbeit nicht für den täglichen Bedarf reicht.

Entlastung der Familien im Vordergrund

„1,6 Millionen Menschen gehen in Deutschland täglich zur Tafel, es gibt inzwischen eine Abhängigkeit“, erläutert Luetz, der dabei zusehen kann, wie der Bedarf wächst. Und die Kunden sind dankbar für das Angebot. „Ich bin froh, dass die Tafel da ist, denn trotz Hartz IV reicht das Geld nicht aus“, sagt ein Mann, der dreimal wöchentlich zur Tafel kommt. Seit sechs Jahren füllt er seine Einkaufstasche nun schon bei der Tafel. „Anders komme ich einfach nicht über die Runden“, sagt er. „Für viele ist es schon selbstverständlich, zu uns zu kommen, aber andere schämen sich auch, das Angebot in Anspruch zu nehmen“, weiß Luetz. Für ihn und sein Team steht die Entlastung der Familien im Vordergrund.

„Das Schönste wäre, wenn es uns nicht mehr gäbe, wir nicht mehr gebraucht würden“, sagt Ewald. Doch der steigende Bedarf zeigt das Gegenteil: Die Tafel wird immer mehr gebraucht und ist vorerst nicht wegzudenken.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare