Bürger beschweren sich

Wenn die Wildschweine wüten

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Wildschwein

Dieburg - Immer mehr Wildschweine erobern die stadtnahen Wälder als Lebensraum, dringen bis zu den Gärten vor und hinterlassen eine regelrechte „Sauerei“. So auch in Dieburg. Die betroffenen Anwohner fühlen sich mit dem Problem alleine gelassen. Von Tamara Schempp

„Schauen Sie sich das nur an!“, sagt eine Dieburger Rentnerin mit besorgtem Blick auf den Haufen aufgewühlter Erde vor ihrem Garten. Sie ist sich sicher: Wildschweine haben hier zwei Nächte zuvor den Rasen zwischen ihrem Gartentor und der asphaltierten Straße verwüstet. Herausgerissene Grasbüschel liegen kreuz und quer verteilt. Sehr zum Ärger der 75-Jährigen, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen will. Gemeinsam mit ihrem Mann lebt sie am westlichen Stadtrand, sie sind stolze Besitzer eines eindrucksvoll gepflegten Gartens. Um den macht sich das Rentnerpaar nun große Sorgen. Eine Wildschweinplage in der Region gebe es schon seit Monaten, klagt die Anwohnerin, davon habe sie gelesen.

Erst vorigen Monat berichteten wir von verwüsteten Grasflächen des Freizeitzentrums Spießfeld, welches sich nur knapp zwei Kilometer vom Haus des Paars befindet. Auch das Gelände um den nahe gelegenen Wolfgangsee ist betroffen. Groß-Umstadt und Dieburg sind bei den Tieren besonders beliebt. „Wegen der guten Böden“, vermutet die Ruheständlerin. „Wir sind immer verschont worden, jetzt ist es auch uns passiert.“ Aus dem Fernsehen weiß sie, wie der Extremfall aussehen kann: In Berlin durchqueren die Wildtiere furchlos die Stadt, plündern Abfälle und verwüsten Gärten. Bis in ihren Garten kamen die Tiere dank des kleinen Tores davor zum Glück nicht. Die Borstentiere hinterließen stattdessen vor dem Zugang eine Schneise der Verwüstung – und ein mulmiges Gefühl bei der Gartenbesitzerin.

Die Wiese vor dem Garten eines Dieburger Rentnerpaars gleicht einer Kraterlandschaft. Wildschweine haben den Rasen auf der Suche nach Futter komplett umgegraben.

Schnell schließt sie das Tor hinter sich. „Langsam habe ich Angst, ich lasse die Tür nicht mehr auf“, erklärt sie. Mit ihren Nachbarn, die das Gartentor und den kleinen Weg zur Straße mitbenutzen, sucht die Mittsiebzigerin nach Unterstützung und Rat im Kampf gegen die ungebetenen Gäste. Die erste Anlaufstelle der Nachbarschaft sei das Dieburger Forstamt gewesen, erzählt sie. Doch die Dame am Telefon habe lediglich ernüchternde Auskünfte gegeben. Das Forstamt habe nach eigenen Aussagen keine Jagdberechtigung, sei nicht zuständig und könne somit nichts unternehmen. Ihr Vorschlag: Verständigen Sie die Polizei, sobald die nachtaktiven Tiere wieder auftauchen.

Ein Witz in den Augen der Dieburgerin. „Sollen wir nachts wach bleiben und warten?“, fragt sie ironisch. Sie ist frustriert und fühlt sich mit ihren Sorgen alleine gelassen. Die Polizei Südhessen ist nach Angaben der Pressesprecherin Andrea Löb, zuständig für den Landkreis Darmstadt-Dieburg, erst der Ansprechpartner, „wenn eine akute Gefahr von den Tieren ausgeht“. Um Wildschweine zu töten, müssten sich die Beamten jedoch mit den zuständigen Jagdpächtern absprechen, so Löb weiter. „Das ist nicht unser Zuständigkeitsbereich.“ Doch an wen können sich Bürger wenden, um eine dauerhafte Lösung für das betroffene Areal zu bekommen? Auf Nachfrage unserer Zeitung hin verweist Stefan Rickert vom Forstamt auf die untere Jagdbehörde im Landkreis Darmstadt-Dieburg.

Wildschweine auf dem Friedhof gejagt

Die Jagdbehörde habe einen Überblick darüber, welche Jagdgenossenschaft welches Gebiet verpachtet hat. Auch Matthias Schott, Vorsitzender des Vereins der Dieburger Jägerschaft, nennt die Jagdbehörde mit Sitz in Darmstadt als Ansprechpartner. Beunruhigte Bürger können dort unter der Rufnummer 06151/8811331 Auskunft über den zuständigen Jäger erhalten. Schott selbst ist das Problem bekannt. Der Vorsitzende der Jägerschaft erklärt, Wildschweine seien zunehmend unruhig, da immer mehr Menschen „den ganzen Tag im Wald unterwegs“ sind. Die Tiere trauen sich somit nicht schon in der Abenddämmerung aus ihrer Deckung, die Suche nach Futter treibt sie des Nachts immer weiter an die Stadtgrenzen.

„Die wandernden Tiere sind aber schwer zu bejagen, da sie in einer Nacht bis zu 30 Kilometer zurücklegen“, sagt Schott. Außerdem könne im Stadtgebiet nicht geschossen werden. Die Schweine abschießen zu lassen, so weit soll es für die Dieburgerin am Stadtrand nicht kommen. Sie fragt sich dennoch, wie weit sie vordringen, wenn nicht bald etwas geschieht. Ein paar Tage nach dem Besuch unserer Zeitung waren die Tiere wieder am Werk. Inzwischen wurden Steinplatten über die betroffene Stelle gelegt. „Selbsthilfe ist jetzt gefragt“, kommentiert der 82-jährige Mann der Hilfesuchenden die Aktion seines Nachbarn. Der Rentner möchte selbst dauerhaft „eine Befestigung aus Betonplatten vornehmen“, sagt er. „Wer lange fragt, geht lange irr.“ Und Not macht bekanntlich erfinderisch.

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