Bürgerentscheid vor 20 Jahren

„Wir haben alle gehofft, dass es schneller geht“

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Vor 20 Jahren schrieb Dieburg mit Hessens erstem Bürgerentscheid Geschichte. Bild aus vergangenen Tagen: Ein Bauschild wies auf das Millionenprojekt Bahnunterführung als gemeinsames Werk von Bund, Land, Stadt und Deutscher Bahn hin. Seit zwei Jahren rollt der Verkehr unter den Schienen hindurch. Vor 20 Jahren legten die Dieburger mit Hessens erstem Bürgerentscheid den politischen Grundstein.

Dieburg - Vor 20 Jahren trug sich Dieburg in die Geschichtsbücher Hessens ein: Im Oktober 1993 fand an der Gersprenz der erste Bürgerentscheid des Landes statt. Von Jens Dörr

Der darin geäußerte Wunsch der Bevölkerung, den beschrankten Bahnübergang zwischen der Kernstadt und dem Industriegebiet-Nord zu beseitigen, ging zwar erst durch die Eröffnung der Unterführung vor zwei Jahren in Erfüllung. Dennoch ist den Beteiligten der damaligen Initiativen in diesen Tagen zum Feiern zumute.

„Wir haben alle gehofft, dass es schneller geht“, sagt Helmut Schelter rückblickend. Der Dieburger Unternehmer, für sein vielfältiges Engagement mit dem Landesehrenbrief dekoriert, war in der heißen Phase 1993 der Sprecher der Bürgerinitiative (BI) mit dem Namen „Pro Bahnunterführung“. Treibende Kräfte waren darin Vertreter aus dem I-Nord.

Die Gründung der BI deutete sich ein Jahr vorher noch nicht einmal an. 1992 schienen alle Signale zur Beseitigung der Behinderung des Pkw-Verkehrs zwischen den beiden Teilen Dieburgs auf Grün zu stehen, denn die Kostenübernahme - größtenteils durch Bund, Land und Bahn - war gesichert und die Planung in Auftrag gegeben worden.  Die  Stadt sollte im Wesentlichen einen kleineren Betrag für einen getrennten Rad- und Fußweg bezahlen.

Nach den Kommunalwahlen im März 1993 und neuen Mehrheitsverhältnissen im Dieburger Stadtparlament wurde die Entscheidung am 29. April 1993 gekippt. Die Dieburger Bürger nutzten allerdings die Möglichkeit, eine solche Entscheidung anzufechten und mittels Bürgerbegehrens aufzuheben. Dieses Begehren mussten zehn Prozent der Wahlberechtigten binnen sechs Wochen mit ihrer Unterschrift bekunden.

Am 13. Mai begann die neue BI mit der Sammlung der Autogramme und erhielt in weniger als vier Wochen 3 000 Stimmen. Als gültig erfasst wurden bis zum 4. Juni letztlich 2 585 Stimmen - wesentlich mehr als mindestens benötigt. Dieses Bürgerbegehren war das zweite hessenweit - mit dem daraus resultierenden Entscheid im Oktober hingegen war Dieburg die Nummer eins. Was knapp war: Nur eine Woche später folgte - mit bekannten Ergebnis - der zweite Bürgerentscheid Hessens in Büttelborn.

Bis heute gab es zwischen Baunatal und Bensheim 123 weiterer solcher Entscheide. „Spitzenreiter“ sind Freigericht, Hanau, Heidenrod und Sulzbach, wo bis heute jeweils drei Entscheide stattfanden. Was stets auch mit Kosten verbunden ist: Die Dieburger BI etwa brachte damals 6 000 Mark auf, um ihren Standpunkt zu verbreiten. Insgesamt kostete der Bürgerentscheid damals 18 000 Mark.

Ein Millionenprojekt wurde schließlich der Bau der Unterführung. Den wollen die einstigen BI-Macher in Kürze Schelter zufolge wahrscheinlich spontan und im kleinen Kreis feiern. Schelter hat bei der Stadt derweil um das Wiederaufstellen des Schilds gebeten, das an die Entscheidung des Souveräns in Dieburg erinnert.

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