„Wir sind eine Schule und kein Museum“

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Die Küchenzeile neben der Tafel: Die „Mensa“ der Marienschule ist in einem ehemaligen Klassenraum untergebracht – fürs Ganztagsangebot absolut untauglich.

Dächer aus Asbest, 36 Grad im Sommer in den Klassenräumen und eine Not-Mensa – die Marienschule steckt im Sanierungsstau. VON RALF ENDERS.

Dieburg – In Dieburg ist in den vergangenen Monaten viel über Schulen gesprochen worden. Die vom Landkreis geplante Rochade von Goethe- und Alfred-Delp-Schule bringt halt einiges in Bewegung in der kleinen Bildungshochburg an der Gersprenz. Eine Schule jedoch blieb stets fast unerwähnt – dabei ist hier der Sanierungsbedarf am größten. Die altehrwürdige Marienschule, Grundschule für Kinder der Klassen 1 bis 4, wartet seit etwa zehn Jahren auf einen Aus- und Umbau. Den hat der neue Schuldezernent des Landkreises, Robert Ahrnt (Grüne), jetzt endlich in Aussicht gestellt – zumindest ein bisschen.

Es geht um marode Asbest-Dächer auf dem Schulhof. Es geht um unerträglich hohe Temperaturen im Sommer in den Klassenräumen, weil der Denkmalschutz das Anbringen von Rollos erschwert. Es geht um eine Behelfs-Mensa in einem alten Klassenraum, und es geht um generell fehlenden Platz für ein Ganztagsangebot, für das die Politik zwar Vorgaben macht, aber keine passende Ausstattung dazu liefert. Kurzum: Es muss dringend was geschehen an der Marienschule.

Größtes Problem: Die Dächer der Hallen auf dem Pausenhof, unter denen auch die Toiletten sind, sind mit Wellplatten-Asbest gedeckt. Dieser ist verwittert und bröselt über den Köpfen der Grundschüler vor sich hin. „Wir sind gelinde ausgedrückt beunruhigt“, sagt Jessica Heß, Vorsitzende des Schulelternbeirats, bei einem Gespräch mit dem Dieburger Anzeiger, an dem auch Schulleiter Lothar Oberle und Johanna Walter, Elternsprecherin einer 2. Klasse, teilnehmen. Immer wieder beruhige man besorgte Eltern, was jedoch immer schwerer falle. „Lange wird uns das nicht mehr gelingen“, heißt es in einem Schreiben an Schuldezernent Ahrnt. Heß: „Asbest gehört raus – aus einer Grundschule allemal!“

Ein Gutachten des Kreises besagt, dass von den Asbest-Dächern „keine Gefahr“ ausgehe. Allerdings: Die Expertise ist zehn Jahre alt, und die Dächer sind teilweise undicht, verwittern seitdem immer mehr und setzen so die gefährlichen Asbestfasern frei. Immerhin soll nun ein neues Gutachten Klarheit bringen, ob die Kinder akut gefährdet sind: „Das Gutachten wurde beauftragt, und die Proben sind bereits entnommen. Nach Erhalt des Prüfberichts werden die enthaltenen Empfehlungen geprüft und voraussichtlich im Januar veröffentlicht“, teilt der Landkreis auf Anfrage des Dieburger Anzeigers mit.

Die Realisierung des Sonnenschutzes für die Schüler dürfte sich ebenso noch hinziehen. 36 Grad herrschen an heißen Tagen schon mal vormittags in manchen Klassenräumen, berichten Oberle, Heß und Walter. Warum? Der Denkmalschutz verhindert zeitgemäße Sonnenschutz-Rollos an den mehr als 100 Jahre alten Gebäuden.

Heß ist sauer: „Wir sind aber eine Schule und kein Museum.“ Klar, denn hitzefrei gibt’s generell erst ab 12.15 Uhr – da haben die Kinder schon zwei Stunden in der Bruthitze gesessen. Eventuell gibt’s sogar spezielle Rollos, die den Segen des Denkmalschutzes finden. Die Stellungnahme des Schulträgers ist auch hierzu halbgar: „Die Abstimmung mit dem Denkmalschutz läuft derzeit. (...) Wahrscheinlich ist eine Fertigstellung aber erst nach dem Sommer 2020 möglich.“ Klimaanlagen seien übrigens grundsätzlich keine Alternative. Allerdings: Sollte es keine Einigung mit dem Denkmalschutz geben, würde auch darüber nachgedacht werden, so der Landkreis.

Die Nachdenkphase hinter sich gelassen hat man beim Thema Mensa. Die vorhandene an der Marienschule wird ihrem Namen kaum gerecht: Eine Essensausgabe in einem ehemaligen Klassenraum mit Küchenzeile im „Mädchenschulhaus“, der maximal 30 Kinder fasst. Das jetzige Ganztagsangebot muss sich deshalb auf höchstens 30 Kinder der Schule beschränken. Doch es gilt: Kein anständiges Ganztagsangebot ohne anständige Mensa.

Etwa 280 Schüler besuchen die Marienschule derzeit, Tendenz steigend. Im nächsten Jahr, kündigt Schulleiter Oberle an, werde die Marienschule wohl von drei- auf vierzügig wachsen. Und das, obwohl Platz und Kapazität schon jetzt ausgereizt sind. Man könnte darüber nachdenken, die Bezirksgrenzen in Dieburg zu verschieben, damit mehr Kinder in die Gutenbergschule, die zweite Grundschule in der Stadt, gehen könnten. Aber auch dort sind die Kapazitäten begrenzt. Eine komplett neue dritte Grundschule im Baugebiet Süd hat Ahrnt vor wenigen Monaten bei einer Infoveranstaltung in der Römerhalle zur Dieburger Schulrochade zumindest nicht ausgeschlossen. Schulleiter Oberle hat natürlich Ideen zur Problemlösung – die aber rechtzeitig angegangen werden müssten.

Zurück zur Mensa: Da mindestens 90 Kinder fürs Mittagessen angemeldet sind, heißt das: Die Kinder müssen in Schichten durchgeschleust werden. Das ist vielleicht gerade so okay, wenn es ums reine Sattwerden geht, genügt aber nicht den Ansprüchen an ein vernünftiges Ganztagsangebot, das an der Marienschule spätestens im Jahr 2025 realisiert sein soll, übrigens auch in den Bereichen Sport, Hausaufgabenbetreuung oder Mediathek. Oberle: „Wir wollen das natürlich nicht verhindern, sondern begrüßen es sehr. Aber die Rahmenbedingungen müssen vorher geschaffen sein.“ Derzeit befindet sich die Schule noch auf der niedrigsten Stufe fürs Ganztagsangebot, dem sogenannten Profil 1. Das bedeutet, dass die Schule an mindestens drei Wochentagen jeweils von 7.30 Uhr bis 14.30 Uhr „Hausaufgabenbetreuung, Fördermaßnahmen sowie erweiterte Angebote im Wahl- und Freizeitbereich anbietet“, so die Vorgabe des Landes Hessen. Die Marienschule bietet dies schon an vier Nachmittagen mit einem AG-Angebot bis mindestens 15.30 Uhr. „Wollen wir dem Bedarf gerecht werden und Profil 3 erreichen (fünf Tage pro Woche bis 16 oder 17 Uhr) und dies möglichst für alle Kinder, muss neben den pädagogischen Angeboten freilich eine ordentliche Mensa her,“ stellt Oberle fest.

In einem ersten Gespräch, das die Elternbeiratsvorsitzende Heß als sehr positiv bezeichnet, habe Schuldezernent Ahrnt zunächst eine Mensa in Containerbauweise auf einer Wiese neben der Turnhalle in Aussicht gestellt, und zwar in den nächsten Sommerferien. Aber auch das dauert noch etwas länger: „Der Aufstellungszeitpunkt steht in Verbindung mit der Baumaßnahme an der Tannenbergschule in Seeheim-Jugenheim“, heißt es aus dem Kreishaus. Dort wird nämlich die Interims-Mensa abgebaut. Aber: „Nach aktueller Planung ist der Zeitpunkt derzeit nicht gewiss, wird sich aber vermutlich bis ins Jahr 2021 ziehen.“

So heißt es für die Marienschule wieder einmal warten. Der Schulelternbeirat will jedoch nicht locker lassen.

Der Darmstadt-Dieburger Kreistag hat in seiner jüngsten Sitzung die Prioritätenliste des Schulbauprogramms 2020 beschlossen. Mehr dazu:

" Darmstadt-Dieburg Seite 5

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