Wird die Notbremse gezogen?

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Ungleicher Fortschritt: Während der Rohbau des künftigen Supermarktes (hinten) bereits steht, wird noch am Fundament der Römerhalle gebaut.

Dieburg ‐ „Wir müssen versuchen, die Kosten wieder in den Griff zu kriegen“, forderte Wilhelm Reuscher (FDP) noch in der vergangenen Stadtverordnetensitzung im März. Jetzt stand die Mehrkostenentwicklung (rund 2,2 Millionen Euro brutto) für den Bau der Römerhalle als einziger Punkt auf der Agenda der von Reuscher geführten Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses am Donnerstag.  Von Dirk Beutel

Dreh- und Angelpunkt der kontroversen Diskussionen war die genaue Aufbereitung der 40-Punkte-Liste, die der Magistrat in Kooperation mit Architekt Tilman Lange und Bauleiter Peter Skora zusammengestellt hatte. Mitglieder der SPD-Fraktion merkten gleich zu Beginn an, man habe „keine Chance gehabt, sich in das Zahlenwerk einzuarbeiten“, weil der Kostenentwicklungsplan zur Römerhalle erst am Vorabend auf dem Tisch gelegen habe. Dagegen offenbarte die geschlossen auftretende CDU-Fraktion erneut ihr Unverständnis zur Kostenentwicklung. „Erst auf Nachdruck kam die Katze aus dem Sack“, kritisierte Dr. Harald Schöning (CDU). „Stets sei erklärt worden, dass sich die Kosten in dem gedeckelten Rahmen bewegten, den wir beschlossen haben.“

Im Gegenzug argumentierte Bürgermeister Dr. Werner Thomas, man habe erst im Januar diesen Jahres eine konkrete Kostenkontrolle durchführen können. Der Magistrat selbst wurde Anfang März mit der neuen Summenkonstellation konfrontiert, die zu einer neuen Berechnung führte. Innerhalb der groben Kostenschätzungen, die Grundlage für Planungsentscheidungen waren, seien Toleranzwerte bis 40 Prozent rechtlich zulässig, merkte er an. Bei den Ausschussmitglieder sorgte diese Information für kollektives Kopfschütteln: „Jeder private Hausbauer, der mitten im Bau steckt und erfährt, dass sein Vorhaben um 40 Prozent teurer wird, wäre schlicht pleite“, monierte Ferdinand Böhm (SPD).

Kostenaufschlüsselung offenbart auch Planungsfehler

Einzig die Punkt-für-Punkt-Aussprache der 40 Erläuterungen zu den Kostenabweichungen brachte etwas Licht ins Dunkel. Hierbei wurde deutlich, dass nicht alle Maßnahmen von vornherein akribisch planbar waren, da sie nicht in den Berechnungen vom März 2009 enthalten waren. So wurden als wesentliche Posten (alles Brutto-Angaben) die Entsorgung des verunreinigten Erdreichs (plus rund 99 900 Euro), die Ausstattung der Bühnenbeleuchtung und Beschallungstechnik (plus rund 238 000 Euro) und die Mehrkosten für die Außenanlage (plus rund 101 745 Euro) geklärt.

Jedoch offenbarten sich bei genauerem Hinsehen auch Planungsfehler des Architekten, wie etwa bei der Installation der Rauch- und Wärmeanlage in der einfacheren Lichtkuppelvariante. Diese wurde in der Kostenberechnung irrtümlicherweise nicht erfasst (plus rund 45 000 Euro). Für besondere Entrüstung sorgte die mit „Mehrkosten bei der Baustelleneinrichtung wegen Nachbarprojekten“ betitelte Position (plus rund 60 000 Euro).

Magistrat prüft Stopp einzelner Maßnahmen

Wie Skora dazu erklärte, seien durch den Parallelbau des Supermarktes unerwartete Auswirkungen für das eigene Projekt aufgetreten. Im Detail betreffe dies etwa das Verlagern von Material- und Mannschaftscontainern, des Baukrans und das Anschaffen größerer (und damit teurer) Betonpumpen. „Da mussten viele Bauzäune hin und her geschoben worden sein“, bemerkte Böhm sarkastisch und fügte entsetzt an: „Das ist eine grenzwertige Verbratung von Steuergeldern.“ Nicht minder wurden die Mehrkosten im Bereich Hochbau kritisiert (plus rund 351 800 Euro). „Hier hätte man die Einheitspreise höher setzen müssen“, gab Lange zu.

Bevor die Kosten weiter steigen und die Gemeinde zur Schuldenaufnahme oder zu Einsparungen bei Sozialleistungen gezwungen ist, müssen weitere Planungen und Ausschreibungen angehalten werden“, forderte Andreas Will (Grüne) mit skeptischem Blick auf den derzeit noch ausgeglichenen Haushalt. Er kündigte an, diesen Antrag in der kommenden Stadtverordnetenversammlung am 29. April einzubringen.

Der Magistrat will von sich aus prüfen, welche Baumaßnahmen und Ausschreibungen zu stoppen sind, ohne dass dadurch erneute Mehrkosten entstehen. Ob diese Maßnahmen wirklich vorerst auf Eis gelegt werden, wird ein Beschluss der Parlamentarier zeigen. Gleiches gilt für die weiterhin noch unklare Kostenentwicklung. Denn: Sowohl die Ergebnisse für die Gewerke der Haustechnik, als auch die der Aufzüge sowie für Fassade, Wärmedämmung und Dach werden noch erwartet. Hier seien Einsparungen möglich. Erst nach deren Auswertung sind etwa 75 Prozent der Baukosten ermittelt. Diese Zahlen könnten bis zur nächsten Sitzung des Haupt- und Finanzausschuss im Mai vorliegen. Dann werden die Mehrkosten wieder Thema sein.

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