Ende nach über 30 Jahren im Parlament

Stets auf Ausgleich bedacht

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Die Waage hat für Wolfgang Hönche Symbolcharakter: Dem charismatischen FDP-Politiker waren auch in seiner politischen Laufbahn stets das Abwägen und der Ausgleich wichtige Anliegen.

Dieburg - Stets einen freundlichen Gruß oder einen fröhlichen Spruch auf den Lippen, so kennen ihn viele Dieburger. Von Laura Hombach 

Oder vielmehr, wohl kaum jemand in Dieburg kennt ihn nicht: Wolfgang Hönche, charismatischer FDP-Politiker, der fast 31 Jahre lang die Dieburger Kommunalpolitik mit prägte. Bei der jüngsten Stadtverordnetensitzung wurde der 75-Jährige auf eigenen Wunsch aus seinem Amt als Stadtrat entlassen und mit stehenden Ovationen von den Parlamentariern aller Fraktionen verabschiedet. Viel erlebt und viele Entscheidungen mitgetragen hat Hönche in seiner Zeit im Dieburger Parlament. 1984 zog er für die FDP in die Stadtverordnetenversammlung ein, in der Liberale und CDU damals eine Koalition bildeten. Schon 1989 wurde er zum Ersten Stadtrat gewählt. Ein Amt, von dem er nach der Kommunalwahl 1993, nach der sich eine „bunte Koalition“ aus SPD, Grünen und UWD zusammenfand, zunächst wieder zurück an den FDP-Fraktionstisch wechselte. 1997 dann zog Hönche erneut in den Magistrat ein und gestaltete dort bis zu seinem Ausscheiden die Dieburger Politik mit. Mit drei Bürgermeistern und nur schwer zählbaren Politikerkollegen hat der Liberale in dieser Zeit zusammengearbeitet.

Über drei Jahrzehnte hat sich Wolfgang Hönche politisch für seine Heimatstadt engagiert. Besonders ungewöhnlich findet er selbst ein solch ausdauerndes Engagement nicht. „Ich habe mich schon seit jungen Jahren ehrenamtlich engagiert“, sagt er und zählt seine Funktionen als Gruppenleiter der katholischen Jugend, Jugendleiter bei der DJK (25 Jahre) und Kreisjugendwart Tischtennis auf. Dennoch hat ihm sein Engagement in der Kommunalpolitik, davon 20 Jahre als Stadtrat, einigen Sondereinsatz abverlangt. Als Pharmareferent und für Süddeutschland zuständiger Teamleiter war Hönche viel im Außendienst unterwegs. Oft sei er eigens für die Magistratssitzungen zurück nach Dieburg gefahren, um dann sogleich wieder zurück zu pendeln.

„Nach der Zeit darf man nicht fragen“

Wie viele Stunden er in den letzten drei Jahrzehnten für die Politik aufgewendet hat? „Nach der Zeit darf man da nicht fragen“, antwortet Hönche schmunzelnd. Bei wöchentlichen Magistratssitzungen, Sitzungen der verschiedenen Kommissionen, Fraktionssitzungen und offiziellen Terminen, die man als Magistratsmitglied wahrzunehmen hat, komme aber schon einiges zusammen. Dr. Albrecht Achilles hatte Hönche vor fast 40 Jahren für die Dieburger Liberalen geworben. Nach einer Bürgerversammlung, bei der Hönche sich als Anwohner der Frankfurter Straße vom damals noch regierenden Bürgermeister Stephan Schmitt bei der Diskussion um die Verkehrsbelastung unverstanden gefühlt hatte, hatte Achilles ihm nahe gelegt, sich doch politisch zu engagieren.

Der Verkehrsbelastung in der Frankfurter Straße ist es mithin zumindest indirekt zu verdanken, dass Dieburgs Kommunalpolitik den engagierten Politiker Wolfgang Hönche zu ihren Reihen zählen durfte. Hönche erinnert sich daran, schon als kleiner Bub, im Alter von fünf oder sechs Jahren, beobachtet zu haben, wie die Frankfurter Straße zwecks Bau einer Über- oder Unterführung vermessen wurde. „Danach hat es fast 70 Jahre gedauert, bis endlich der Tunnel kam“, so Hönche. Die Gegenfrage, ob es dem langsam vonstatten gehenden Tunnelprojekt zu verdanken ist, dass er sich so lange in der Politik engagiert hat, verneint Hönche lächelnd.

Stets den Ausgleich gesucht

Und tatsächlich war Hönche, als der Tunnel dann endlich doch kam, schon lange nicht mehr direkt betroffener Anlieger der Frankfurter Straße. Schweren Herzens hatte er sich zwischenzeitlich bereits entschlossen, das Haus am Marienplatz, in dem schon seine Eltern und Großeltern gelebt hatten, zu verkaufen und sich ein Zuhause in einem ruhigeren Eckchen Dieburgs aufzubauen. Die Adresse wechselte, das Engagement des Ur-Dieburgers für seine Heimatstadt blieb.

Er habe stets den Ausgleich gesucht, sagt Hönche, der sich auch gerne an die Zeit erinnert, in der er zusätzlich zu seinen anderen Ämtern auch als Schiedsmann tätig war. Die Waage habe für ihn einen starken Symbolcharakter sagt der Liberale, der die Waage - wie könnte es besser passen - auch im Sternzeichen trägt. Etwas abzuwägen, vermitteln, das liege ihm. Trotzdem blickt er ein wenig wehmütig auf die Zeiten zurück, als im Parlament noch mehr gepoltert wurde. „Da kommen dann auch ganz andere Ideen bei heraus“, erklärt Hönche. Er selbst habe aber auch bei heftigeren Diskussionen immer versucht, die Meinung der anderen zu respektieren. „Ich habe mich nie mit jemandem ernsthaft gestritten, so dass man sich nicht mehr in die Augen schauen konnte.“

Bei den Diskussionen im Parlament geht es nach Hönches Erfahrungen in erster Linie um die Sache, nicht um Parteipolitik. Grundsätzlich könnte man auf die Parteien in der Kommunalpolitik auch verzichten, meint der erfahrene Politiker. Allerdings bräuchte man organisierte Gemeinschaften, in denen Themen besprochen würden. Im Magistrat werde ohnehin keine Parteipolitik gemacht. So manche Entscheidungen könne nach Hönches Dafürhalten indes schneller fallen, wenn die Politiker unterschiedlichster Couleur einfach einmal in informeller Runde vorab darüber sprechen würden. Früher hätten solche Gespräche häufiger stattgefunden. Nach den Sitzungen seien die Parlamentarier gemeinsam auf ein Gläschen in die Kneipe gegangen, heute tue das jede Fraktion für sich. Das Miteinander sei sachlicher, unpersönlicher geworden, bedauert Hönche.

Dem Bürger Entscheidungen erklären

Einen guten Lokalpolitiker macht indes nicht nur die Arbeit im Parlament, sondern auch die Nähe zum Bürger aus. Die Auseinandersetzung mit den Bürgern, auch bei unliebsamen Entscheidungen habe er nie gescheut, sagt der 75-Jährige. Auch hier sei es ihm stets Anliegen gewesen, zu vermitteln, zu erklären, weshalb etwas so gekommen ist. Um nah beim Bürger zu sein - im Zweifelsfall auch nah an der Kritik - sei er auch zweimal die Woche in die Kneipe gegangen. „Der Bürger hat ein Recht darauf, Informationen zu bekommen, aber er muss auch akzeptieren, dass es andere Entscheidungen gibt“, sagt Hönche. Heute sei der Bürger dank moderner Medien schneller informiert als früher. Allerdings sei er mit seinem Urteil auch schneller bei der Hand. Habe es früher noch geheißen „Worum geht es? - Da bin ich dagegen!“ laute die Reihenfolge nun häufig „Ich bin dagegen! - Worum geht es?“

Kritik habe er stets unter dem Gesichtspunkt betrachtet, ob sie ihn weiterbringe. Er habe sich dann gefragt: „Kann ich damit etwas anfangen? Kann ich damit etwas verändern? Kann ich Einfluss darauf nehmen?“ Zugleich habe er seine Kritiker aber auch gefragt, ob sie den überhaupt eine Qualifikation als Kritiker haben, erzählt der 75-Jährige lächelnd. Doch das mit der Qualifikation zum Kritiker ist ganz ernst gemeint. Denn der berechtigte Wunsch des Bürgers nach Information sei keine Einbahnstraße. „Es gibt nicht nur eine Bring-, sondern auch eine Holschuld“, sagt Hönche. Um politische Entscheidungen in Frage zu stellen, sollte man zumindest wissen, wie diese zustande gekommen sind, findet er. Sich ab und an in die Parlamentssitzungen zu setzen und nicht gleich zu gehen, wenn der für einen selbst interessante Tagesordnungspunkt abgehandelt worden ist, sei dafür äußerst hilfreich, wirbt er für mehr Publikum im Stadtverordnetensaal.

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Auch wenn das Alter und die Gesundheit Wolfgang Hönche nun dazu bewogen haben, sein politisches Amt aufzugeben, so ganz in den Ruhestand wird er sich freilich nicht begeben. Er will seine Heimatstadt weiterhin als Stadtführer den Menschen näherbringen und als Akteur bei den Spielszenen des Heimatvereins mitwirken. Und auch als Autor geschichtlicher Texte kann sich der umtriebige Polit-Rentner durchaus sehen.

Der Blick zurück auf seine politische Laufbahn erfüllt ihn mit Zufriedenheit: „Ich habe es gerne gemacht.“ Nur eines findet Hönche im Rückblick ein wenig schade: „Ich wäre gerne auch einmal Stadtverordnetenvorsteher gewesen, da wäre meine Fähigkeit zum Vermitteln noch mehr zum Tragen gekommen.“

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