Zahnreißen als Volksbelustigung

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Zwei starke Männer halten den sich windenden Patienten fest. „Bader“ Eberhard d'Orville schreitet zur Extraktion. 

Dieburg ‐  „Uaaarrrggg“! Vielmehr ist von dem armen Kerl, dem der Schweiß auf der Stirn steht, nicht mehr zu hören. Kein Wunder, der Bader“ - das ist in diesem Fall der Dieburger Zahnarzt Dr. Eberhard d'Orville - hat den „Pelikan“ schon angesetzt. Von Lisa Hager

Vermutlich leitet sich der Name des ältesten Zahnentfernungsinstruments von der Ähnlichkeit mit dem Schnabel des Vogels her. Das interessiert den Patienten, der im Hof der ehemaligen Süßmosterei Jakob auf dem Stuhl mehr liegt als sitzt, momentan aber gar nicht.  Das Betäubungsmittel zu Beginn der Behandlung, ein Gläschen Schnaps, scheint ihn auch wenig zu beruhigen. „Etwas anderes als Alkohol gab es früher nicht“, erläutert d'Orville den neugierigen Gaffern, die sich um das Geschehen geschart haben. Er hat sich aus Anlass der Verwandlung von einem modernen Zahnarzt in einen Bader früherer Jahrhunderte in ein fesches Wams geworfen. Auf dem Kopf sitzt eine Mütze mit keck wippender Feder.

Da drückt der Bader seinem sich aufbäumenden Opfer ein Tuch an den Mund - dass es schon vorher rot gefärbt ist, sieht ja keiner - und präsentiert dem Publikum stolz den gezogenen Zahn. Der Patient verschwindet schnell im Publikum. Obwohl es sich bei der Vorführung einer altertümlichen Zahnheilbehandlung des Heimatvereins um ein Schauspiel für „Dieburg in Blau“ gehandelt hat, will so schnell keiner mehr auf dem Behandlungsstuhl Platz nehmen.

Zahnentfernung bedeutete früher großen Schmerz

Die Geschichte der Zahnheilkunde ist bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gleichzeitig eine Geschichte des Schmerzes“, sagt d'Orville, der im krassen Gegensatz dazu bei seinen Patienten in über 30 Jahren Praxis für seine behutsamen Behandlungsmethoden bekannt war. Entzündungen der Zahnnerven oder übergreifende Kieferknochenvereiterungen an kariösen Zähnen trieben die Menschen damals zum Wundarzt, Bader, Zahnbrecher oder Quacksalber, weil sie die Qualen nicht mehr ertragen konnten. „Nicht nur die Sichtverhältnisse in der Mundhöhle bei fehlender Beleuchtung und Absaugung waren mangelhaft. Steriles Arbeiten und Schmerzausschaltung durch Narkose oder örtliche Betäubung waren unbekannt“, erläutert der Mediziner.

Von wegen „gute alte Zeit“

Der von d'Orville verwendete vierkantige „Pelikan“, eine Art Hebel, wurde um 1700 geschmiedet und ist das älteste Instrument aus dessen historischer Sammlung. Und so wandte ihn der Bader an: War ein Zahn tief zerstört, wurde ein in zwei Zacken auslaufender Haken des Instruments möglichst tief zwischen Kieferknochen und Zahnhals verkrallt. Ein halbmondförmiges Teil des Geräts stützte ihn auf der Außenseite ab. Der kariöse Zahn musste dann mit großer Kraft heraus gehebelt werden. „Äußerst schmerzhafte, nur schlecht verheilende Quetschungen waren die Regel“, weiß der Mediziner. Die Qualen verschlimmerten sich noch, wenn Nachbarzähne oder Teile des Kieferknochens ausbrachen, was nicht selten vorkam.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnte man sich mit Hilfe von Lachgas-, Äther- oder Chloroformnarkosen einen Zahn weitgehend schmerzfrei ziehen lassen. Nach der Jahrhundertwende wurde mit den synthetisch hergestellten und nebenwirkungsarmen Betäubungsmitteln der Weg zu einer entspannten Behandlung geebnet.

Von wegen „gute alte Zeit“: Wer die beeindruckende Vorführung des Zahnreißens am Baderstand erlebt hat, wird sie sich bestimmt nicht zurück wünschen.

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