Digitales Gedächtnis für choreografische Arbeiten

Frankfurt - Wie alle Bühnenkünste ist auch der Tanz flüchtig. Notationssysteme sind der zwangsläufig unzureichende Versuch, das Wesen einer Choreografie zu erfassen. Von Stefan Michalzik

Die Motion Bank, an deren Entwicklung der Choreograf William Forsythe und seine Company zusammen mit mehreren Institutionen von den ersten Anfängen gerechnet seit beinahe 20 Jahren arbeiten, will die digitale Bild- und Medientechnologie für die Überlieferung der Tanzkunst erschließen.

Und mehr als das. Der Zugang zum zeitgenössischen Tanz ist nicht voraussetzungslos. Motion Bank will darum nicht nur eine Sammlung digitaler Online-Partituren offerieren. Es soll nicht bloß das Endresultat dargestellt werden, sondern auch der künstlerische Prozess.

Schriftliche Tanznotationen sind nur für die Fachzirkel der Choreografenstudios verständlich. Über eine umwälzende Nützlichkeit im künstlerischen Arbeitsprozess hinaus ist mit der Motion Bank nach den Worten des einstigen Frankfurter Ballettchefs das Anliegen verbunden, einem interessierten Publikum ein Werkzeug an die Hand zu gegeben, mittels dessen es sich die Sprache des Tanzes aneignen kann.

Was passiert mit dem Körper? Welche Inhalte sollen transportiert werden? Das sind Fragen, um die es geht. Das von David Kern, einem Mitglied der Forsythe Company, initiierte Forschungsprojekt Piecemaker, ein Teil der Motion Bank, beschäftigt sich mit der Erstellung einer Software, die es möglich macht, Probenprozesse zu dokumentieren und zugleich ein Netzwerk aufzubauen, über das mehrere Nutzer miteinander kommunizieren können.

Das Stück „As Holy Sites Go“, dessen Uraufführung im Frankfurt-LAB ansteht, ist ein Beispiel für die Anwendbarkeit der Software. Deborah Hay, Pionierin einer narrativen Tanznotation, hat jeder der drei Tänzerinnen eine Solopartitur mit dem Material ihres jüngsten Stücks „No Time To Fly“ zukommen lassen. Für die Aufführung werden die drei Soli zum Trio geformt.

An der Entwicklung des Stücks von Deborah Hay und der Online-Partituren im Generellen sind die Offenbacher Hochschule für Gestaltung (Projektleiter: Heiner Blum), das Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD und die Hochschule Darmstadt beteiligt. Die Ausbildungs- und Workshopprojekte betreuen die Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und die Palucca-Hochschule für Tanz in Dresden. Darüber hinaus ist das Projekt international vernetzt.

Finanziert wird das auf die vier Jahre von 2010 bis 2013 angelegte Unterfangen durch die Kulturstiftung des Bundes, das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst und den Kulturfonds Frankfurt RheinMain sowie durch die private Förderin Susanne Klatten.

Quelle: op-online.de

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