Distanz, Differenz, Erschrecken

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Georges Seurat, „Steineklopfer mit Schubkarre, Le Raincy“ (1882), zu sehen in Frankfurt

Frankfurt - Georges Seurat (1859-1891) hat in nur zehn Schaffensjahren Malerei neu definiert. Das überrascht auch in der in der Frankfurter Schirn, in der ersten deutschen Seurat-Schau seit langem. Von Reinhold Gries

Ausgehend von Raffael, den Freilichtmalern von Barbizon und den Impressionisten ging der Pariser Neoimpressionist neue Wege. Angeregt durch wissenschaftliche Erkenntnisse zu Physiologie und Farbtheorie erprobte er Gesetze der Farbwahrnehmung und additiven Farbmischung und setzte sie akribisch in Malerei um.

Tritt man von Landschaftsbildern wie „Port-en-Bessin“ und „Der Kanal von Graveline“ zurück, mischen sich im Auge dicht gefügte Farbtupfer zu unwirklich schönen Panoramen. Auch aus der Nähe verzaubert der Pointillismus der vielen tausend Punkte, reinfarbig, komplementär und simultan nebeneinandergesetzt. In Gemälde wie „Arbres et Bateaux“ oder „Le Bec du Hoc“ hat Seurat das Sonnenlicht geholt. Daneben begeistern kleine „Croquetons“, Holztafeln, die genau in den Deckel des Ölfarbkastens passten. Seurat hat sie im Freien gemalt, auch die vorbereitenden Studien zum Hauptwerk „Sonntagnachmittag auf der Insel Grand Jatte“.

Experimentalcharakter hat das Hochformat zum unvollendeten Eiffelturm, dessen Spitze sich in himmelblauen Punkten verflüchtigt. Sonnendurchflutete Idyllen wie „Der Mäher“, „Der Gärtner“ und „Der Steinklopfer“ sind dagegen nicht so fein getupft wie das spätere Werk, haben jedoch großen künstlerischen Eigenwert.

Seurat erfasst, was später „Entfremdung“ heißt

In der Schirn ist auch zu sehen, dass der systematisch arbeitende Neuerer wenig dem Zufall überließ. Serien von Etüden, Studien und Zeichnungen bereiten Großformate wie „Le Chenal des Gravelines: Un Soir“ und „Le Cirque“ vor. Da behandelt Seurat menschliche Figuren gleichrangig mit Tieren, Bäumen, Hügeln, Schiffsmasten und Leuchttürmen. Das figurative „Personal“ ist in geometrisierte Bildsystematik eingeordnet, bis die Menschen aus den späteren Landschaftsbildern ganz verschwinden. „Mit Seurat dringt die Fremdheit in den Impressionismus ein – die Distanz, die Differenz, das Erschrecken“ schreibt der Autor Wilhelm Genazino.

Seurat erfasst intuitiv, was man später „Entfremdung“ nennt. Das zeigen trügerische Flussidyllen wie „Une Baignade, Asnières“: In sich versunkene Menschen am Wasser sind mit nichts beschäftigt, reden nicht, spielen keine Spiele. Das wirkt wie Leben, das nicht lebt, „Stillleben“ im eigentlichen Sinn – selbst beim Erfassen urbanen Treibens in Paris, der Freizeitvergnügen in den Parks und des Badelebens am normannischen Strand. Sogar im großen Zirkusbild mit farbig getupftem Doppelrahmen herrscht eher Stille als Entfesselung, Pinselsetzung ist auch kontemplativer Akt.

„Georges Seurat – Figur im Raum“ in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt, geöffnet bis 9. Mai Dienstag, Freitag bis Sonntag 10 bis 19, Mittwoch/Donnerstag 10 bis 22 Uhr.

Seurats verwunschene Welt hat Vorläufer und Begleiter in seinen Zeichnungen. In zart umspielten Figurationen und Landschaften wie „Gehende Frau im Profil“, „Waldrand“ und „Clown und drei Figuren“ sucht der Betrachter vergebens Konturen, die Halt geben. Diese unbestimmte Hell-Dunkel-Kunst verzichtet auf Details und Wiedererkennbarkeit – Figuren und Dinge sind von umgebender Natur nur am dichteren Zeichengeflecht zu unterscheiden. Aus der Nahsicht ist zu erkennen, dass selbst dunkelste Flächen von weißen Lichtpunkten durchsetzt sind, die der weiche Stift auf dem Papier freilässt. Seurats sanfte Schwärzen wirken wie Malerei ohne Farbe.

Quelle: op-online.de

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