Doppelt verteufelt

Zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust? Wär’ es nur das! Zwei Teufel zerren an Fausts Seele, reden von allen Seiten auf den Mann ein, der lediglich erkennen will, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Von Markus Terharn

Der doppelte Mephistopheles ist die auffälligste Errungenschaft in dieser Inszenierung des ersten Tragödienteils, mit der die Württembergische Landesbühne Esslingen die Theateressenz Offenbach bereichert hat. Das Publikum im ausverkauften Capitol reagierte nach drei Stunden begeistert.

Bildungsbürgern und beflissenen Gymnasiasten blieb etwa die Hälfte des geliebten Goethe-Textes, der in kühner Verkürzung manch schlagende Wirkung erzielte. Darunter war das Vorspiel auf dem Theater, dessen Vorgaben Regisseur Manuel Soubeyrand umsetzte: Er schonte Prospekte nicht und nicht Maschinen, ließ es blitzen und läuten, sorgte für viel Schall und Rauch. Ausstatterin Michaela Springer nahm das erwähnte enge Bretterhaus wörtlich und vernagelte die Szene auf drei Seiten mit Latten, hinter denen unsichtbares Volk agierte, wo Stimmen, Barock- oder Diskomusik vom Band ertönten.

Besuch in der Hexenküche verjüngte den Helden nicht

Es dauerte, bis der Faust des intensiv mimenden Stefan Wancura zumindest vom Monologisieren erlöst war. Mit dem Auftritt von Matthias Zajgier und Lothar Bobbe als agiles wie zungenfertiges Mephisto-Duo nahm die Angelegenheit Fahrt auf und gewann an Witz. Wie die weiß gekleideten Rotpe rückten den nur zu bereitwilligen Faust in den Pakt trieben, den armen Schüler (Nikolaos Eleftheriadis, urkomisch) foppten oder die mannstolle Marthe (Nadine Ehrenreich, herrlich) narrten, das war eine Schau für sich.

Der Besuch in der gar garstigen Hexenküche verjüngte den Helden nicht, er veränderte bloß seine Sicht auf die Dinge; etwa aufs unbedarfte Gretchen der Nele Niemeyer, die wirklich ihm allein als Helena erschien. Rasch war die Tugendhafte verführt, ihre Mutter versehentlich, ihr Kind absichtlich, ihr Bruder beiläufig getötet. In der Walpurgisnacht zog die Regie alle Register des Spukhaften und Schweinischen, bis die Kerkerszene Gretchens Rettung brachte und Fausts Ende mit einem Vorgriff auf Teil zwei andeutete. Mit Ideen, den Klassiker zu entstauben, geizten die Schwaben nie!

Quelle: op-online.de

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