Dramaturgisch denken

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Direktor im Wartestand: Matthias Wagner K. leitet das Museum für Angewandte Kunst zurzeit nur kommissarisch.

Frankfurt - Das Wort vom Dornröschenschlaf, das kürzlich in einer Zeitung zu lesen gewesen ist, stellt Matthias Wagner K. , der seit Anfang März das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst leitet, erst einmal klar, gehe nicht auf ihn zurück. Von Stefan Michalzik

In der Stadt schätze man den Zustand des am Museumsufer gelegenen Hauses indes wohl so ein. Es verfüge aber über eine hervorragende Sammlung, erstklassige Wissenschaftler seien hier tätig, die Architektur von Richard Meier nennt Wagner K. großartig.

Die seit der Eröffnung von Meiers Erweiterungsbau 1985 nahezu unveränderte Dauerausstellung will der Fünfzigjährige, der wegen eines seitens eines Mitbewerbers gegen die Stadt angestrengten Prozesses einstweilen noch nicht als Direktor, sondern als Chefkurator firmiert, allerdings grundlegend neu gestalten. „So wie damals kann man heutzutage ein Haus nicht mehr präsentieren.“

Präsentation des Museums zentral

Das gänzlich andere Modell des Frankfurter Museums für Moderne Kunst etwa, das einem bei jedem Besuch das Gefühl vermittelt, ein neues, grundlegend verändertes Haus zu betreten, findet Matthias Wagner K. faszinierend.

Dinge, die ins Museum gelangt sind und damit einen Teil ihres Seins, ihrer Funktion verloren haben, als bloße Fetische einer vergangenen Zeit zu aufzureihen – damit sei es nicht getan. Es müsse vielmehr gewärtig werden, was die Objekte über ihre Zeit erzählen. Kontexte gelte es zu erschließen, Bezüge zur Gegenwart. Als Betrachter solle man sich mitgenommen fühlen.

Ein festes Engagement an einem Museum, sagt der im Gespräch einnehmend uneitel und verbindlich wirkende Ausstellungsmacher, habe er nie im Sinn gehabt. Der gebürtige Jenaer hat nach Anfängen am Erfurter Theater in Köln Malerei studiert und seither 22 Jahre lang weltweit als freier Kurator gearbeitet. 2010 leitete er die erste Biennale für Internationale Lichtkunst, eines seiner Fachgebiete, im Ruhrgebiet. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit war Island, besonders die Designkultur des insularen Kreativhorts. Darüber kam er auch in Kontakt zu Frankfurt, als Leiter des Kulturprogramms zum Länderschwerpunkt der Buchmesse im vergangenen Jahr; unter anderem hat er die Ausstellung „Randscharf – Design in Island“ an seinem jetzigen Haus mitkuratiert.

Architeckt Richard Meier einbeziehen

Das Gesicht der Neuausrichtung gelte es nun zu entwickeln, in einem Prozess mit dem Team am Haus, im Austausch mit anderen Institutionen wie dem in der Stadt ansässigen Rat für Formgebung. Mit Blick auf die künftige Ausstellungsarchitektur will Matthias Wagner K zu Richard Meier nach New York reisen. Schon allein des Respekts wegen will er den heute 78-jährigen Architekten nicht übergehen.

Dieter Rams, mit seinen Schöpfungen für die Elektronikfirma Braun einer der prägenden Industriedesigner des zwanzigsten Jahrhunderts, sei bisher nicht genügend repräsentiert, desgleichen das Green Design. Das Spektrum eines solchen Hauses könne bis zu Entwürfen reichen, die eine Grenze zur Bildenden Kunst tangieren. Und bis zum Blick in die nahe Zukunft.

Das Museum als Plattform für zeitgenössische Design-Fragen: Gemeinsam mit dem Rat für Formgebung und der Stiftung Deutsches Designmuseum Berlin will Matthias Wagner K das Haus für Diskurse zeitgenössischer Gestaltungskunst öffnen. Das Museum soll im internationalen Maßstab mitspielen.

Fantasie der Besucher beflügeln

Es gelte, die Fantasie der Besucher zu beflügeln. Mode, Kleidung, Design – das gehe schließlich alle an. Dramaturgisch müsse man denken, Matthias Wagner K zieht den Vergleich zu einem Theater- oder Tanzstück: Was sehe ich als erstes, wie gehe ich durch das Haus. Wo verengt sich der Blick, wo weitet er sich. Mit dem zur Verfügung stehenden Raum ist Wagner K zufrieden, wenngleich es natürlich immer mehr sein dürfte. Die Bibliothek allerdings habe die Kapazitätsgrenze erreicht; auch eines Schaudepots, gemeinsam mit anderen Museen, bedürfe es.

Was die Finanzen angeht, hofft Matthias Wagner K auf eine verstärkte Unterstützung von privatwirtschaftlicher Seite. Eine Erweiterung der Ausstellungsfläche, wie es sie gerade beim Städel gegeben hat, strebt er nicht an. Viel wichtiger findet Wagner K, dass der gerade eben aus Etatgründen von der Stadt zurückgestellte Erweiterungsbau für das Museum der Weltkulturen verwirklicht wird. Sein Haus sei groß genug für das, was er vorhat.

Quelle: op-online.de

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